CO2-Emissionen bei Stromproduktion: Den Superverschmutzern auf der Spur

(30.07.21, taz.de) , Original : hier

For­sche­r:in­nen haben Tausende Kraftwerke untersucht, um herauszufinden, welche besonders viel CO2 emittieren. Eines der schlimmsten steht in Deutschland.

Auf Platz 7 der Superverschmutzer: Kraftwerk Niederaußem in Pulheim, Nordrhein-Westfalen

Nur wenige Kraftwerke weltweit emittieren fast drei Viertel der Treibhausgase in der Stromproduktion. Zu dem Schluss kommt eine neue Studie in der Zeitschrift „Environmental Research Letters“. Für die Studie analysierten ForscherInnen an der Universität Boulder 29.000 fossile Kraftwerke in 221 Ländern. Die Daten sind auf dem Stand von 2018.

Die Studie zeigt, dass die dreckigsten Kraftwerke vor allem in Nordamerika, Europa, Ostasien und China zu finden sind. In einigen Ländern – den USA, Japan, Südkorea, Deutschland und Australien – ist ein Bruchteil der Kraftwerke für 75 bis 90 Prozent der Emissionen verantwortlich, ein ähnliches Ergebnis wie weltweit. Die ForscherInnen berechnen, dass weltweit insgesamt ein Viertel der Emissionen aus der Stromproduktion reduziert würde, wenn die Effizienz der Kraftwerke verbessert würde.

Umgekehrt zeigt die Studie, dass solche „Superverschmutzer“ kaum in Südamerika, Afrika oder im Pazifik zu finden sind – der Globale Süden damit gemeinhin nicht Teil des Problems ist.

Unsere Grafik zeigt die 10 Kraftwerke weltweit mit den höchsten Emissionen. Alle zehn werden mit Kohle betrieben und sind nicht nur besonders groß, sondern auch ineffizient im Vergleich zu anderen ähnlichen Kraftwerken im Land. https://datawrapper.dwcdn.net/RrPkV/1/

Auf Platz 1: Das Braunkohle-Kraftwerk Bełchatów, das etwa 20 Prozent des Stroms in Polen produziert und jährlich mehr Treibhausgase emittiert als die Schweiz. Es soll bis 2036 stillgelegt werden. Auf Platz sieben der Liste findet sich ein deutsches Kraftwerk: die RWE-Anlage Niederaußem in NRW. Laut der Studie ist es um rund 45 Prozent ineffizienter als andere Kohlekraftwerke in Deutschland. Bisher wurde erst ein Block des Kraftwerks mit etwa einem Zehntel der Gesamtleistung stillgelegt. Der letzte Block soll voraussichtlich erst 2038 vom Netz gehen.

Von den anderen acht dreckigsten Kraftwerken stehen zwei in Indien, drei in Südkorea, und je eins in Taiwan, China und Japan.

„Eine der Herausforderungen für Kli­ma­ak­ti­vis­t:in­nen ist, zu bestimmen, wer genau für die Klimakrise verantwortlich gemacht werden soll“, sagte Studienautor Don Grant der Nachrichtenwebsite Vice. „Unsere Studie versucht dieses Problem anzugehen, indem sie Superverschmutzer identifiziert.“


Tip von Ingo

Hochwasserschutz: »Verhindern, schützen, anpassen«

(27.07.21, spektrum.de) , Original : hier

Hochwasser lassen sich nicht komplett verhindern. Doch man kann die Gefahr senken, sagt Hochwasserschutz-Experte Daniel Bachmann im Interview. Der erste Schritt: sich informieren.
von Lars Fischer

Nach den verheerenden Überschwemmungen im Westen Deutschlands gehen die Aufräumarbeiten voran. Doch die Zerstörungen werfen auch die Frage auf, was man gegen solche Katastrophen unternehmen kann. Völlig verhindern kann man solche Ereignisse nicht, erklärt Daniel Bachmann, Professor für Hydromechanik, hydrodynamische Modellierung und Hochwasserrisikomanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er erklärt, wie man zukünftige Hochwasser im Computer berechnet und Gefahrenkarten erstellt, was der Klimawandel für den Hochwasserschutz bedeutet und was man als Privatperson tun kann, um besser vorbereitet zu sein.

»Spektrum.de«: Welche Arten von Modellen kommen bei der Hochwasservorhersage zum Einsatz?

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum – Die Woche, 30/2021

Daniel Bachmann: Wir nutzen für die klassische Hochwasservorhersage eine ganze Modellkette von der Meteorologie bis hin zur Hydrodynamik. Zuerst haben wir die meteorologischen Modelle, die uns den Niederschlag geben. Den lassen wir quasi auf die hydrologischen Modelle fallen, um zu sehen, wie sich der Niederschlag über Hänge in den Tälern sammelt. Aus solchen Berechnungen kann man aber in der Regel schlecht Wasserstände herausziehen, man erfährt vor allem, wie viel Wasser durch die Landschaft fließt.

Als nächster Schritt folgt ein hydrodynamisches Modell, in dem wir das Wasser den Fluss hinunterlaufen lassen, so dass es sich in der simulierten Landschaft ausbreitet. Und wir gehen in der Forschung inzwischen so weit, dass wir – außerhalb der physikalischen Modellierung – Schäden eines Hochwassers in eine Vorhersage integrieren. Da ist eine Stadt, wer ist gefährdet und was sind die Kosten, wenn da das Wasser in den Straßen steht? Oder der Ausfall von kritischen Infrastrukturen; das ist ein ganz heißes Thema. Die Wasserversorgung hängt von der Stromversorgung ebenso ab wie die Telekommunikation abhängig von Stromversorgung ist, und so weiter.

Wie funktionieren derartige Modelle?

Wir nehmen im Prinzip die Topografie sowie die grundlegenden Gesetze der Physik dahinter, etwa die Navier-Stokes-Gleichungen, die Grundgleichungen der Hydrodynamik. Noch niemand hat sie bislang gelöst, deswegen gehen wir numerisch heran. Das erste numerische Modell hat der englische Meteorologe Lewis Fry Richardson 1922 aufgestellt, damals noch mit der Hand berechnet. Er hat mehrere Wochen gerechnet für eine Wettervorhersage von sechs Stunden, und diese war dann auch noch falsch. Aber er hat die Grundlage geschaffen.

Heute benutzen wir Computer, um die Abflüsse über das Gelände zu modellieren. Und damit können wir auch Strömungen und Überschwemmungen simulieren. Der große Vorteil eines solchen Modells ist, dass ich damit sozusagen spielen kann. Ich kann den Klimawandel einbeziehen, dann lasse ich es noch extremer regnen und schaue, was passiert. Oder ich baue einen Deich ein und beobachte, was sich ändert. Modellierung ist ein sehr wichtiges Werkzeug für uns.

Die bekannten Gefahrenkarten basieren auf derartigen Berechnungen. Sie lassen sich beliebig erweitern, etwa durch veränderte Wasserstände, wenn eine Flussaufweitung erfolgt, Polder gebaut werden und oder wir Wasser verstärkt speichern und so weiter.

Wie entstehen Hochwassergefahrenkarten?

Die Hochwassergefahrenkarten muss jedes Land in Europa erstellen, was seit 2007 in der EU so geregelt ist. Da gibt es gesetzliche Vorgaben, wie das abläuft. Man kann natürlich nicht jeden Graben in Deutschland modellieren. Deswegen sucht man nach gewissen Kriterien, wie historischen Ereignissen und Schadenspotenzial, Risikogewässer in Deutschland heraus. Man hat in dieser Stufe eins zum Beispiel auch Gewässer genommen, für die schon Gefahrenkarten vorhanden waren.

»Unter normalen Umständen, wenn es kein Hochwasser gibt, sind diese Gefahrenkarten natürlich nicht bei allen so beliebt«

Anschließend rechnet man drei Szenarien: eines mit hoher Wahrscheinlichkeit, sprich zehn- oder zwanzigjähriges Hochwasser, ein 100-jähriges Hochwasser mit mittlerer Wahrscheinlichkeit und eines das als HQ-extrem bezeichnet wird. Was Letzteres bedeutet, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich und ist nicht klar geregelt. Hier in Sachsen-Anhalt ist das ein 200-jähriges Hochwasser ohne Deiche – einfach, um zu sehen, was passieren könnte.

Wenn diese Gefahrenkarten existieren, was ist dann schiefgegangen?

Die Erstellung der Karten ist ein zyklischer Prozess, die Karten werden alle sechs Jahre aktualisiert und erweitert. Es kann zum Beispiel passieren, dass so ein Fluss in diesen Karten gar nicht drin war. Das gab es 2017 im Harz mit einem Fluss, der nicht in den Gefahrenkarten enthalten war. Der wurde dann natürlich im nächsten Zyklus der Kartenerstellung mit aufgenommen.

Jetzt habe ich konkret die Hochwasserkarte von Schuld angesehen, da ist nicht viel blau. Aber: Das ist eine Ferndiagnose, weil ich die Überflutungsflächen nicht kenne. Ich würde dennoch vermuten, dass das Flutrisiko hier unterschätzt wurde. Möglicherweise ist dieses Extremereignis mit einem Wiederkehrintervall von 200 Jahren zu niedrig gewählt worden. Über die möglichen Ursachen möchte ich nicht spekulieren. Vorsichtig gesagt: Unter normalen Umständen, wenn es kein Hochwasser gibt, sind diese Gefahrenkarten natürlich nicht bei allen so beliebt.

Wie genau sind solche Modelle?

Ein Modell ist immer nur ein vereinfachtes Abbild der Natur und nicht perfekt. Darin sind Fehler, in den Ansätzen, in den Daten. Wir können und wollen die Natur nicht nachbauen.

Zudem sind die Randbedingungen der Modelle unsicherheitsbehaftet, je länger man in die Zukunft prognostiziert, desto größer werden auch die Unsicherheiten in den Ergebnissen. Was man in der Hochwasservorhersage machen könnte – aber auch da sind wir im Forschungsbereich –, man kann so genannte Ensemblevorhersagen nehmen: Man rechnet dann nicht nur ein Szenario, sondern mehrere. Zum Beispiel hat der Deutsche Wetterdienst ein Ensemble mit 20 Szenarien laufen, und unter denen gibt es dann maximale und minimale Werte und Mittelszenarien.

Wie könnte jetzt eine solche Hochwasservorhersage auf Ensemblebasis aussehen? Das meteorologische Modell gibt die Randbedingungen vor, die Regenmengen. Diese fließen in ein hydrologisches Modell, das die Topografie, die Landnutzung und so weiter berücksichtigt.

Link :
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© AG Flood Risk Management HS-MModellierung des Hochwassers 2021 am Unterlauf der Rur

Erstellt von der Arbeitsgruppe Flood Risk Management der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Damit transferiere ich den Niederschlag in Abfluss. Aus 20 verschiedenen Niederschlägen erhalte ich 20 Abflüsse, und bei einem gut kalibrierten Modell bleibt die Unsicherheit relativ klein. Der Abfluss wird nun ins hydrodynamische Modell überführt, das schlicht den Naturgesetzen folgt. Am Ende erhalten wir relativ gute Wasserstände. Aber ich denke, wenn es diese Modelle gibt und sie gut gepflegt sind, liegt die größte Unsicherheit in der Meteorologie. Deshalb macht auch eine Ensemblevorhersage durchaus Sinn.

Was ist mit der kritischen Infrastruktur?

Bei diesem Thema sind wir ganz neu dabei, daran zu forschen. Ihre Relevanz wurde bei den jetzigen Hochwasserereignissen mehr als deutlich. Aber das hat man auch beim letzten Elbehochwasser 2013 hier in Magdeburg schon gesehen, als das Umspannwerk Rothensee auf Teufel komm raus verteidigt wurde. Alle wussten: Wenn das überflutet wird, fällt nicht nur in der Überschwemmungsregion der Strom aus, sondern auch im ganzen Umland, das eigentlich gar nicht betroffen ist. Bekannt ist das Problem irgendwie, aber es ist noch nicht so ganz durchgedrungen; kritische Infrastruktur und Hochwasserrisikomanagement sind noch zwei unterschiedliche Welten.

Wir bekommen im Moment auch viele der Daten nicht. Der Katastrophenschutz macht noch relativ viel im Bereich der kritischen Infrastrukturen, aber mit der langfristigen Planung für vorbeugenden Hochwasserschutz hat das wiederum nicht viel zu tun. Und natürlich veröffentlicht man auch nicht so einfach Daten über kritische Infrastruktur. Wie man das in den Griff kriegt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Man muss dabei nicht jeden kleinen Transformator berücksichtigen. Aber die großen Brocken, die bei diesem Hochwasser anscheinend ausgefallen sind, sollte man natürlich erfassen.

Und der Klimawandel erhöht die Unsicherheit weiter?

Nein, der Klimawandel bewirkt, dass die Häufigkeit der extremen Ereignisse zunimmt. Der Abfluss, der bisher statistisch gesehen einmal in 100 Jahren auftrat, tritt jetzt vielleicht im Mittel alle 70 Jahre ein. Möglicherweise muss man in die Gefahrenkarten ein eigenes Klimaszenario mit aufnehmen, in dem zum Beispiel ein höherer Abfluss eingesetzt wird. Das wird man überprüfen müssen. Und man muss auch mehr und mehr in die nachhaltige Planung reingehen. Das heißt, dass man nicht nur für den Ist-Zustand plant, sondern für das Jahr 2050 oder 2100, und dann mit Klimazuschlag. Das sind natürlich unsichere Szenarien, die zu berechnen sind, aber das sollte man mitnehmen.

Wie geht man mit der Situation um?

Ich denke, dass die Adaption, also die Anpassung an den Klimawandel, wieder stärker in den gesellschaftlichen Diskurs muss. Dass wir nicht nur den Klimawandel verhindern müssen, sondern dass er jetzt schon stattfindet und die Situation verändert. Zum Beispiel werden die Deiche an der Küste bereits mit Klimazuschlag erneuert: Man erweitert die Deichbreite schon so, dass man in zehn Jahren relativ einfach erhöhen könnte.

»Möglicherweise muss man in die Gefahrenkarten ein eigenes Klimaszenario mit aufnehmen«

Denn im Klimawandel sind ebenfalls Unsicherheiten vorhanden. Beim Meeresspiegel reichen Prognosen von 20 Zentimeter bis zwei Meter Anstieg. Deswegen ist es clever, robuste Maßnahmen zu machen, die bei Bedarf erweiterbar sind. Bemerkt man, dass die Prognose doch nicht voll zutraf, und ist mit dem Küstenschutz zufrieden, dann kann man das so lassen. Aber wenn der Meeresspiegel schneller und höher steigt, lässt sich das recht schnell berücksichtigen.

Zum Teil kriegen wir die Anpassung an den Klimawandel also mit vorbeugendem Hochwasserschutz hin. Aber andererseits sind damit auch viele andere Aspekte verbunden. Da ist zum Beispiel das Niedrigwassermanagement, wenn nicht zu viel Wasser da ist, sondern zu wenig wie in den Sommern 2018 und 2019, als die Schifffahrt wegen Niedrigwasser eingestellt werden musste und Kraftwerken das Kühlwasser fehlte.

Hochwasser wiederum kann Talsperren vor Probleme stellen: Jetzt wurden sie zu voll und mussten abgelassen werden. Lasse ich als Betreiber eine größere Reserve für Extremhochwasser, werde ich im heißen Sommer eventuell gefragt, warum die Talsperre denn so leer ist. Deswegen werden uns Hochwasser und Niedrigwasser immer mehr beschäftigen. Die Wasserwirtschaft wird für den Umgang mit dem Klimawandel ganz zentral.

Eine wesentliche Frage ist also, bis zu welchen Punkt Schutzmaßnahmen sinnvoll sind?

Wir müssen natürlich vorbeugenden Hochwasserschutz machen, aber Sie können so viele Maßnahmen machen, wie Sie wollen: Irgendwann werden wieder bei einem Hochwasser Häuser überflutet werden und Menschen betroffen sein. Das muss man ganz klar sagen. Man kann und will sich ja nicht bis zum Ende schützen. Vielleicht könnte man 50 Meter hohe Mauern ans Wattenmeer und an die Flüsse bauen, nur wer möchte das? Es geht darum, die Maßnahmen so zu konzipieren, dass sie ökonomisch, aber auch vor dem Hintergrund der Lebensqualität noch sinnvoll sind.

Was heißt das konkret?

Wir werden Maßnahmen implementieren müssen, um Hochwasser zu verhindern, zum Beispiel Entsiegelung, Aufforstung, Speicherung oder Raum für die Flüsse. Wir können uns aktiv schützen, mit Deichen und Mauern zum Beispiel. Aber man kann eben auch eine andere Strategie fahren, um sich anzupassen, zum Beispiel Häuser auf Stelzen oder generell eine darauf ausgelegte Bauweise.

Ein ganz wichtiger Aspekt bei den Maßnahmen ist ganz sicherlich die Raumplanung. Sie ist der effektivste Schutz vor Hochwasserkatastrophen. Denn der Fluss oder das Meer sind nicht die Bösen, sondern die Leute bauen dort, wo der Fluss einst ausgeufert ist. Sie haben ihn auch oft verengt. Dabei gibt es historisch gewachsene Städte, in denen der Fluss tatsächlich zuvor sichere Bereiche flutet, aber die Menschen haben sich selbst in den Bereich des Flusses gesetzt.

Heute können wir das nur noch zu einem gewissen Grad ändern, wir wollen und können zum Beispiel Hamburg nicht umsiedeln. In einem gewissen Maß müssen wir das Risiko akzeptieren, das vom Wasser ausgeht. Aber dieses Restrisiko müssen wir managen können. Da brauchen wir Warnsysteme und Notfallpläne, und wir müssen Verhaltensmuster für den Ereignisfall einüben. Ich habe drei Strategien genannt: verhindern, schützen, anpassen.

Eine weitere Strategie könnte jedoch auch sein, das Wiederaufstehen nach einem Ereignis so leicht wie möglich zu machen. Versicherungen und staatliche Wiederaufbauhilfe sind dabei wichtig. Im Endeffekt wird man nicht jedes Ereignis verhindern können. Wenn es nur um ökonomische Werte geht, können wir es uns vielleicht leisten, das wieder neu aufzubauen. Bei der Elbeflut wurde die Bahnstrecke unterspült, und alle fragten sich: Warum baut die Bahn denn ausgerechnet im Gefahrengebiet wieder neu auf? Aber die Bahn sagt ganz klar: Wenn wir das verlegen, kostet das so viel Geld, dass wir die Bahnstrecke dreimal neu aufbauen könnten.

Also muss man gucken, welche Schäden man einpreist?

Das geht natürlich nur bei reinen ökonomischen Schäden. Nicht, wenn es um Menschenleben geht oder auch – da fängt es ja schon bei persönlichen Werten an – das Fotoalbum der Familie oder die Festplatte mit den Kinderfotos zerstört sind. Aber wenn die Leute versichert sind oder es einen Hilfsfond gibt, können die Leute, zumindest ökonomisch gesehen, wieder schneller aufstehen.

Was macht denn die Privatperson, um sich auf Hochwasser vorzubereiten?

Im Wasserhaushaltsgesetz von 2009 steht, dass jede Privatperson auch für die Eigenvorsorge verantwortlich ist. Das ist neu. Vorher war Hochwasserschutz eine rein staatliche Sache beziehungsweise wurde so empfunden. Nun werden auch die Bürgerinnen und Bürger vom Gesetzgeber in die Pflicht genommen. Das wissen viele wahrscheinlich noch gar nicht, aber so steht es im Gesetz – was auch richtig ist.

»Welche Dokumente schnappe ich mir als Erstes? Muss man unbedingt das Kinderfotoalbum im Keller aufbewahren? Wo stelle ich vielleicht mein Auto hin?«

Wie betreibt man nun diese Vorsorge? Als Erstes würde ich in die Hochwassergefahrenkarte gucken. Informationsvorsorge ist ein ganz wichtiger Aspekt. Ein Reporter hatte mich gefragt: Woher soll ich denn wissen, dass ich in Erftstadt von Hochwasser betroffen bin? Da sage ich doch, Moment, das hat Erftstadt doch schon im Namen – den Fluss Erft. Das muss man sich dann schon klarmachen.

Natürlich kann man bei Starkregen auch entfernt vom Fluss betroffen sein. Leider sind die Warnkarten für Starkregenereignisse zum Beispiel an Hanglagen oft noch nicht vorhanden. Aber die Hochwassergefahrenkarten sind der erste Schritt. Dann muss man sich Gedanken machen, was ich im Hochwasserfall mache. Welche Dokumente schnappe ich mir als Erstes? Muss man unbedingt das Kinderfotoalbum im Keller aufbewahren? Wo stelle ich vielleicht mein Auto hin? Vielleicht sollte man das auch einfach besser für die Leute zusammenfassen, zum Beispiel in Form eines analogen oder digitalen Faltblättchens: Wie verhalte ich mich bei Hochwasser? Oder man trainiert ab und an das Verhalten bei Hochwasser in Übungen.

Und letztlich muss man das in einem gewissen Maß mit sich selbst ausmachen; dazu muss man sich der Gefahr natürlich bewusst sein. Das klingt jetzt ein bisschen einfach gedacht für die Opfer, keine Frage, doch man muss das Risiko durch das Wasser bis zu einem gewissen Grad akzeptieren; oder nicht, dann allerdings entsprechende Konsequenzen ziehen. Wenn man aber – im Normalfall – unten am Fluss in den Wiesen steht, dann kann man sich auch sagen: Es ist echt schön, hier zu wohnen. Dafür nehme ich das verbleibende Risiko in Kauf.

Herr Bachmann, herzlichen Dank für das Gespräch.

Lars Fischer Lars Fischer ist Chemiker und Redakteur bei »Spektrum.de«.


Tip von Ingo

News aus : umwelt.NRW

(Juli.21, umwelt.nrw) , Original : hier

28.07.2021 – Hochwasser: Jetzt akut helfen und für die Zukunft die richtigen Schlüsse ziehen

Ministerin Heinen-Esser hat sich in Stolberg über die Lage und die Folgen des Hochwassers informiert: “Es ist erschreckend zu sehen, welche Schäden die Kraft des Wassers anrichtet. Viele Menschen haben ihr Hab und Gut verloren. Wie Stolberg ist es vielen Gemeinden in NRW ergangen. Landesweit sind viele Menschen zu Tode gekommen. Wir müssen jetzt akut helfen, parallel mit der Aufarbeitung beginnen und die richtigen Schlüsse ziehen.” Mehr…


26.07.2021 – Waldwandel und Klimawandel: Klimafeste Wälder für eine klimagerechte Zukunft

“Erst Stürme, Dürren und Waldbrände, jetzt Starkregen. Die zurückliegenden Jahre zeigen, dass der Klimawandel Realität ist. Von zentraler Bedeutung für den Klimaschutz und die Klimaanpassung ist der Wald. Er ist ein Seismograph des Klimawandels und massiv betroffen”, so Ministerin Ursula Heinen-Esser zum Auftakt der diesjährigen Waldzustandserhebung im Königsforst bei Köln. Mehr…




16.07.2021 – Historisches Unwetter: Wassermassen an zwei Tagen wie sonst in drei Juli-Monaten

Eine derart großflächige und verheerende Hochwasserlage wie in den zurückliegenden Tagen hat es in NRW noch nie gegeben. Darauf hat Ministerin Heinen-Esser am 16. Juli hingewiesen. “Die Wassermassen haben in vielen Regionen bisher gemessene Werte überschritten. Gebot der Stunde ist es jetzt, weitere Folgeschäden zu verhindern und die Betroffenen zu unterstützen”, so die Ministerin bei einem Besuch der Hochwassermeldezentrale in Duisburg. Mehr…


Tip von Ingo

„Wir wohnen hier gerade dem Todesstofß für die Menschheit bei“

(31.07.21, FR)

„Wir wohnen hier gerade dem Todesstofß für die Menschheit bei“
Gespräche an der Abbruchkante:
– Eckart von Hirschhausen und Theresa Krüger
über den Moment, in dem man begreift, dass es so nicht mehr weitergeht, über den nächsten Schritt und die eigentliche K-Frage


Tip von Stefan

Komplizierte Regeln für Erneuerbare Energien — Auch Bürokratie belastet das Klima

(22.07.21, tagesspiegel.de) , Original : hier

Die Politik bekundet gern, beim Klimaschutz jetzt endlich verstanden zu haben, bremst dann aber bei Details. Das gilt für Windräder wie Photovoltaik. Ein Kommentar. Jakob Schlandt

Deutschland soll bis 2045 klimaneutral sein, hat die Regierungskoalition beschlossen. Und die EU soll fünf Jahre später folgen. Daran haben manche Klimaaktivisten immer noch zu mäkeln, und man kann tatsächlich trefflich streiten, ob das nun reicht, fast reicht oder doch zu kurz gesprungen ist, weil man die historischen Emissionen nicht miteinbezieht.

Tatsächlich muss die neue Bundesregierung vor allem ein ganz konkretes Problem anpacken. Vom abgekochten Industrielobbyisten bis zu den Hardlinern der Grünen sind sich in einem alle einig: Wir brauchen mehr erneuerbare Energien, und zwar viel mehr und viel schneller als bisher. Für den direkten Stromgebrauch, aber auch für den Einsatz zur Erzeugung von Wasserstoff als, grob gesprochen, Erdgasersatz.

Da hilft alles nichts, es geht um die Details. Um die Frage – man blicke auf CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet und die neuen Regeln im von ihm geführten Nordrhein-Westfalen –, welche Abstände Windräder von Wohngebäuden halten müssen. Um die Frage, wie genau sich Windkraft mit Vogelschutz vertragen kann und ob pfiffige neue Vogelwarnsysteme helfen können.

Besonders bei der naturgemäß recht konfliktarmen Solarkraft – sie verursacht keinen Lärm, versperrt nicht den Ausblick und ist zudem inzwischen günstig – muss die Handbremse gelöst werden. Die gerade zu Ende gegangen Ausschreibung für Photovoltaik (PV) auf Gewerbeimmobilien zeigt, dass deutlich mehr gehen könnte. Da ist zu viel Bürokratie im Spiel. Branchenvertreter kritisieren sowohl, dass der Strom vom Dach nicht selbst verbraucht werden darf, als auch die Bevorzugung großer Anlagen und die kurze Umsetzungsfrist. Innerhalb eines Jahres muss die Anlage laufen.

Viele Gewerbehallen können kaum eine extradicke Schneedecke tragen

Für große Anlagen kommt aber nicht jedes Dach infrage. Viele moderne Gewerbehallen sind zu fragil dafür, sie können höchstens eine dicke Schneedecke tragen. Dennoch ist das Potenzial enorm. Experten schätzen, dass erst zehn bis 20 Prozent der wirtschaftlich nutzbaren Dachfläche für PV erschlossen sind. Rechnet man alle Lager-, Logistik- und Produktionshallen mit mehr als 1000 Quadratmetern Gewerbefläche zusammen, kommt man nach Statistiken aus der Immobilienbranche auf eine Dachfläche von 450 Millionen Quadratmetern.

Es ist ein aktuelles Beispiel unter vielen. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat gleich mehrfach in seiner Amtszeit signalisiert, er habe beim Klimaschutz jetzt endlich verstanden. Bei den (vermeintlichen) Details bremste er dann aber wieder und wieder. Für die neue Bundesregierung wird es darum gehen, diesen Widerspruch endlich aufzulösen.


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Tip von Ingo

Klimapolitik und Mobilität: Mit dem Auto das Klima schützen

(25.07.21, taz.de) , Originalö : hier

Die Chance für eine bessere Klimapolitik ist da. Die konkreten Auswirkungen müssen den Menschen nur nachvollziehbar erklärt werden.

Stau auf der A40. Immer noch gilt: lieber mit dem Auto statt mit der Bahn

Wie konnte das so schiefgehen? Bei der Sonntagsfrage von Forsa hatten die CDU/CSU Anfang April Zustimmungswerte von 21 Prozent und die Grünen 28 Prozent. Drei Monate später lagen die CDU/CSU bei 30 Prozent und die Grünen bei 19 Prozent. Sicher, ein Teil des Absturzes geht auf das Konto des gescheiterten Baerbock-Buchs. Doch Buch und Lebenslauf erklären nicht alles.

Dabei ist der politische Gegner Armin Laschet eher oberflächlich, verkündet Pyrrhussiege und ändert seine Meinung öfters schon mal. Beispiel: Das verunglückte WDR-Interview mit Susanne Wieseler, der er am Tag der Hochwasserkatastrophe sagte, dass man wegen eines Ereignisses an einem Tag seine Politik doch nicht ändere. Sein Bundesland NRW steht weit schlechter da, als er es anpreist.

Eine groß angekündigte Ruhrkonferenz sollte den Aufbruch für das Ruhrgebiet auslösen und hat sich in kleinteilige Projektgrüppchen zerlegt. Die Olympia-Bewerbung von NRW ist ein Scherbenhaufen. Das von ihm selbst ausgerufene Elektromobilitätsland NRW läuft hinterher. Der Aachener Hochschullehrer und Rotary-Freund Günter Schuh hatte mit viel Trara und Landesgeldern erst den Streetscooter, dann den e.go und dann Pläne einer Batteriezellenfabrik aus der Taufe gehoben.

Es waren die Vorzeigeprojekte für Laschet, auf die er mächtig stolz war. Übrig geblieben ist davon so gut wie nichts. Immer wieder hatte die Laschet-Mannschaft versucht, Batteriezellfabriken in NRW anzusiedeln, aber weder Tesla, noch CATL, noch sVolt, noch Farasis, noch Northvolt oder Stellantis bauen Zellen in NRW. Sie haben sich für Grünheide, Erfurt, das Saarland, Bitterfeld, Salzgitter und Kaiserslautern entschieden.

Elektroautoland NRW blieb Illusion

Die anderen waren erfolgreich, nur das von Armin Laschet ausgerufene Elektroautoland NRW ist gescheitert. Zufall? Noch im Herbst 2019 war „Fridays for Future“ für Laschet eine Schülerbewegung. Wenig ehrlich erklärte er bei der Flutkatastrophe NRW zum Klimaschutz-Vorreiterland. Im Ländervergleich hat NRW im letzten Jahr 25 Millionen Tonnen weniger CO2 ausgestoßen. Das entspricht einem Drittel des CO2-Rückgangs in Deutschland. Was Laschet verschweigt:

NRW stößt dreimal so viel aus wie etwa Bayern oder Baden-Württemberg und pro Einwohner das Doppelte von beiden Bundesländern. Ein Großteil der Einsparung ist das Ergebnis der Abschaltung der Steinkohlekraftwerke. Damit hat Laschet wirklich nichts zu tun. Die Verdienste gehen zurück bis auf den früheren Bundeswirtschaftsminister Werner Müller und Ex-Kanzler Gerd Schröder. Gern schmückt sich Laschet mit dem Kohleausstieg. Tatsächlich hat NRW den schnelleren Ausstieg mit verhindert.

Oberflächlich, sprunghaft und fadenscheinig prangert Laschet geplante Benzinpreiserhöhungen der Grünen an. Dabei weiß er genau, dass die CO2-Besteuerung in Berlin beschlossen wurde. Immerhin erklärt er höhere Treibstoffsteuern für notwendig, aber den Billigflug nach Mallorca definiert er als eine Art Grundrecht. Jeder müsse sich schließlich den jährlichen Mallorca-Flug leisten können. Warum also verlieren die Grünen im Wettkampf mit Armin Laschet?

Das grüne Wahlprogramm ist ehrgeizig. Aber was bedeutet es für Otto Mustermann, wenn seine Lebenshaltungskosten mit erhöhten CO2-Preisen beängstigend steigen? Das Schlagwort Energiegeld soll es richten. Aber was konkret erhält Mustermann? Allgemeine Aussagen wirken bei staatlichen Abgaben wenig glaubhaft. Dazu kamen die unglücklich verkürzten Interviews, bei denen die Steuer hängen blieb, das Energiegeld aber unter den Tisch fiel. Ähnlich zum Verbot der Inlandsflüge.

Gegen 48 Millionen Autobesitzer ist nicht zu gewinnen

Es macht Sinn, nicht die ganze Welt in einem Satz zu erklären, sondern eine Sache in den konkreten Auswirkungen für den Einzelnen nachvollziehbar zu machen. Was erwartet die Autobesitzer von einer grünen Kanzlerin? Es ist unmöglich, eine Wahl gegen 48 Millionen Autobesitzer gewinnen. Sicher macht es Sinn, Radwege auszubauen. Das unterstützen alle. Sicher muss man die Bahn verbessern. Aber jetzt alles auf die Bahn setzen? Das Klimaproblem wird dadurch nicht gelöst.

Bisher sind Autofahrer von der Bahn wenig begeistert. Wer im Ruhrgebiet Bahn fährt, braucht gute Nerven und ein gefülltes Portemonnaie. Nicht ohne Grund stehen die Menschen lieber im Stau auf der A40. Und die Bahnversprechen sind so alt wie die Republik. Die Hochwasser haben gezeigt, dass es beim Klimawandel fünf nach zwölf statt fünf vor zwölf ist. Alle sind überzeugt, dass wir deutlich mehr tun müssen.

Alle, außer dem Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, der in TV-Interviews verkündet, dass NRW schon viel macht und wir an die Arbeitsplätze denken müssen. Die Chance für eine bessere Klimapolitik ist da. Wir müssen es den Menschen nur sauber erklären und nicht 48 Millionen Dinge wegnehmen, die ihnen wertvoll sind. Mit dem vollelektrischen Auto haben wir die Technik.

Mittlerweile ist das Angebot groß, die Fahrzeuge sind alltagstauglich, die Preise mit den Förderungen fast auf Verbrennerniveau. Sämtliche Risiken, wie Einbußen beim Wiederverkauf oder nicht geplante Reparaturen, lassen sich mit dem Auto-Abo ausschließen. Alle Voraussetzungen sind erfüllt, um ausschließlich abgasfreie Neuwagen zu verkaufen. Was würde passieren, wenn wir den Preis für Benzin und Diesel einfach verdoppeln, also auf 3 Euro statt 1,50 pro Liter Super erhöhen?

Drohte dann eine Gelbwestenrevolte wie in Frankreich? Nein, dieses Drohpotenzial kann neutralisiert werden. Die Lösung: Wer heute ein Auto mit Verbrennungsmotor besitzt, bekommt die zusätzliche Treibstoffsteuer zurückerstattet, genießt also Bestandsschutz. Wer sich aber ein neues Benzin- oder Dieselauto kauft, bezahlt den vollen Spritpreis. Als beste Wahl bliebe dann nur das Elektroauto – und zwar ohne komplizierte Bonus-Malus-Rechenspielchen bei der Kfz-Steuer. Die Chancen für die Grünen sind da. Sie müssen sie nur nutzen.


Tip von Ingo

Förster zur Flutkatastrophe »Dass unsere Umwelt ganz schön kaputt ist, sehe ich jeden Tag«

(25.07.21, spiegel – panorama), Original : hier

Das Hochwasser an der Ahr wurde durch Schäden im Wald verschärft – und wird der Natur am Fluss schaden. Ein Revierförster fordert zum Umdenken auf. Aus dem Ahrtal berichtet Jan Friedmann

Der Förster Jens Willen ist Opfer und Experte zugleich, eine seltene Kombination im Katastrophenfall. Willen hat sein Revier in Reifferscheid in der Eifel. Sein Haus steht hingegen unten im Ahrtal in Schuld. Das ist der kleine Ort am Oberlauf des Flusses, der teilweise zerstört wurde und den Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte.

Die Bundeskanzlerin und ihr Tross beschränkten sich bei ihrem Rundgang auf den Ortskern, wo die Aufräumarbeiten schon weit fortgeschritten sind. Wer zu Jens Willen möchte, muss ein Stück am Fluss entlanggehen, wo entwurzelte Bäume und Kühlschränke liegen, in den Böschungen Dämmplatten und Teile von Wohnwagen.

In dem letzten Abschnitt der Hauptstraße geht es über einen Haufen aus Treibholz; darin liegt, in Plastik verpackt, eine Portion Schweinegulasch. Weiter über bizarr zerrissene Zacken von Asphalt, ein Bach hat sie in die Straße gerissen.

Förster Willen sieht die Flut auch als Umweltkatastrophe – in ihrem Hergang und ihren Folgen.

Es ist eine Perspektive, die wohl immer stärker in den Blick rücken wird. Zurzeit dominieren noch das allgegenwärtige menschliche Leid, die persönlichen Katastrophen. Überall entlang des Flusses, in Schuld wie in anderen Orten, räumen die Menschen auf; sie retten, was zu retten ist, und sie trauern um die Toten aus der Nachbarschaft.

Auch Willen, 61, reinigt mit Freunden und Kollegen das Untergeschoss seines Hauses. Dort unterhielt er auch sein Forstbüro und bewahrte wertvolle Maschinen für den Wald auf, die jetzt kaputt sind. Das Treibgut in seinem Garten hat selbst er, der mit Motorsägen erfahren ist, noch nicht auseinanderbekommen.

Der kranke Wald

In einer Pause berichtet er davon, was er über die Ursache und die Folgen des Hochwassers denkt, das den Fluss in sein Haus brachte. »Dass unsere Umwelt ganz schön kaputt ist, das sehe ich jeden Tag, wenn ich arbeite«, erzählt der Forstamtmann. »Jeden Tag sehe ich kranke Bäume, und meine Aufgabe als Förster ist es, diese kranken Bäume zu entfernen.«

Er sieht einen Zusammenhang zur Flut: Ein trockener, kranker, gelichteter Wald nehme das Wasser nicht mehr so gut auf. Das gelte vor allem dann, wenn er – wie rund um die Ahr – weitgehend auf Steilhänge beschränkt sei, mit Freiflächen oben auf den Kuppen. Von dort schoss das Wasser kaum gebremst in Seitentäler und von dort in die Ahr, die Region weist große Höhenunterschiede auf.

Willen ist schon seit vielen Jahren Revierförster. Er hat beobachtet, wie sich der Zustand des Waldes in den vergangenen Jahren verschlechtert hat – durch Hitze, Trockenheit und wiederkehrende Unwetter. »Die Geschwindigkeit der Wetterwechsel ist immens«, sagt er, das schwäche die Bäume.

Selbst Bestände hundertjähriger Eichen lichteten sich, ganz von selbst. Er halte sich zurück, dort zusätzlich Holz zu schlagen: »Da habe ich seit 25 Jahren keine Axt mehr dran gehabt.« Auch in den anderen Flächen: absterbende Bäume. »Buchen, Ahorn und ganz klar die Nadelbäume, Kiefer, Lärche, Fichte«, alle Arten seien betroffen. »Die einheimischen Baumarten können sehr viel ab, aber ob es auf Dauer reicht, bin ich mir nicht sicher«, sagt Willen.

Hätte ein anderer Wald die Katastrophe verhindern können? Mancher Experte glaubt das nicht, weil die Wassermasse schlicht extrem groß war. In einem aber ist sich Willen sicher: dass ein langfristiges Umdenken notwendig ist, auch in der Region. »Ich denke nicht an meinen Beruf, ich denke vor allem an meine Kinder und Enkel.« Es gelte, längerfristig CO₂ einzusparen und die Intensivlandwirtschaft zu beschränken.

Warnung vor Schadstoffen

Zu den langfristigen Problemen tritt nun ein neues, vor allem unten im Tal. »Die ganze Gewässerökologie ist kaputt«, so der Förster. Überall Müll, kaputte Autos, Öl und andere Schadstoffe. Die gelangten in die Nahrungskette und auf Äcker und Wiesen. Die Behörden warnen die Menschen an der Ahr vor Keimen und Schadstoffen im Wasser. Förster Willen erzählt, bei ihm habe sich schon eine kleine Wunde infiziert, er musste eine Tetanus-Spritze bekommen.

Und überall entlang der Ahr fragen sich die Menschen, wie und wo sie wohl ihre Dörfer wieder aufbauen werden. Die breite Schneise der Verwüstung hat die Trennlinien zwischen Natur und dem von Menschen beanspruchten Territorium neu definiert. Schon nach dem Hochwasser im Jahr 2016 erweiterten Orte am Oberlauf die Kanalisation und bearbeiteten das Flussbett. Es half nichts gegen die Wucht des Wassers.


Klimakrise

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Tip von Ingo

So wollen die großen Parteien in Zukunft Hochwasser-Katastrophen verhindern — Wer überzeugt am meisten?

(20.07.21) vice.de , Original : hier

Plötzlich ist Katastrophenschutz also Wahlkampfthema. Nur: Was heißt Katastrophenschutz? Experten sagen, der Klimawandel sei mit Schuld an derlei Wetterereignissen. Geht es also um langfristige Prävention, kurzfristige Warnmöglichkeiten oder mittelfristige Anpassungen von Landschaften? Oder alles auf einmal?

Wir haben allen Parteien im Bundestag – außer der AfD – dieselbe Frage gestellt: 

Was will Ihre Partei konkret tun, um Hochwasser-Katastrophen zu verhindern?

Hier die Antworten.


CDU

“Mit zunehmenden Extremwetter-Ereignissen ist das Wassermanagement inzwischen eine Frage, die ganz entscheidend für unser Land geworden ist. Es geht dabei um Hochwasserschutz nicht nur an Küsten, sondern auch an Flüssen und kleinen Bächen, um Maßnahmen zur Klimaanpassung und den Klimaschutz.

Dies alles ist auch eine Form von Bevölkerungsschutz. Daher setzen wir an, bevor der Ernstfall eintritt und entwerfen unsere Politik in langen Linien: Wir machen uns stark für einen ambitionierten Klimaschutz, um die Erderhitzung zu begrenzen. Wir setzen uns ein für ein Klima-Anpassungsgesetz, das den Folgen des Klimawandels in der Stadt, auf dem Land sowie an Küsten, Meeren und in den Bergen wirksam begegnet.

Uns ist wichtig, dass unser Land widerstandsfähiger und krisenfester wird. Es braucht Klima-Anpassungskonzepte und Starkregen-Gefahrenanalysen sowie technischen Hochwasserschutz – in festen Strukturen und auch mobil. Wichtig ist dabei, dass wir vermehrt auf natürliche Lösungen setzen und die Flächenversiegelung verringern. Der natürliche Hochwasserschutz muss wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Die Natur müssen wir dabei als Partner verstehen und Möglichkeiten zum Wasserrückhalt schaffen.

Hochwasserschutz, Schutzbedürfnisse und Schutzvorkehrungen sind vor Ort verschieden. Beim Bevölkerungsschutz hingegen braucht es eine gemeinsame nationale Katastrophenschutz-Strategie. Unser föderales System für den Bevölkerungsschutz ist leistungsfähig, flexibel und flächendeckend verfügbar. Die Anforderungen von heute sind allerdings andere als früher. Wir wollen deshalb neue Kriterien für eine länderübergreifende Schadenslage entwickeln und zwischen Bund und Ländern einen modernen Bevölkerungsschutz etablieren. Für eine engere Vernetzung und Verzahnung aller Akteure im Bevölkerungsschutz wollen wir eine gemeinsame Plattform bilden, sodass sie stärker als bisher in einem integrativen Netzwerk zusammenwirken können.”

SPD

“Wir werden den Klimawandel und seine Folgen wie Unwetter nicht schnell umkehren können. Daher wollen wir auf der einen Seite den Klimaschutz durch mehr Investitionen und eine Veränderung der Energieerzeugung in Deutschland voranbringen. Unser Ziel ist ein klimaneutrales Deutschland.

Die akuten Auswirkungen des Klimawandels – vor kurzer Zeit starke Unwetter, Überschwemmungen und Hochwasser – wollen wir als Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern und Kommunen angehen. So sollen Hochwasserkatastrophen verhindert werden. Das wird viel Geld kosten. Geld, das die kommunale Ebene der Städte, Gemeinden und Kreise nicht hat. Daher müssen sie finanziell durch Länder und Bund unterstützt werden. Gleichzeitig müssen Planungen der Städte und Gemeinden für neue Baugebiete kritisch überprüft werden, sodass Flüsse mehr Raum als früher erhalten oder Regenrückhaltebecken gebaut werden. Unsere Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat dazu viele Projekte und Programme – zum Beispiel zum Hochwasserschutz – angestoßen und auch Vorschläge für mehr Klimaschutz gemacht.

Vor allem in Überschwemmungsgebieten innerhalb von Ortschaften ist das Bauen nur in Ausnahmefällen zulässig. Hierfür haben wir ein Gesetz beschlossen, damit Bauvorhaben die Hochwasserschutzbelange vor Ort und in den Nachbargemeinden besonders berücksichtigen. Auch für andere Hochwasser-Risikogebiete gelten seitdem strengere Auflagen an eine hochwassersichere Bauweise.”

CSU

“Klimaschutz ist präventiver Hochwasserschutz: Bayern hat sich daher das ambitionierte Ziel gesetzt, bereits im Jahr 2040 klimaneutral zu sein. Wir wollen im Freistaat insgesamt 22 Milliarden Euro investieren, um diese Vorgabe zu erreichen. Auf Bundesebene setzen wir uns mit Blick auf den Klimawandel beispielsweise für einen schnelleren Ausstieg auf der Kohleverstromung bis 2030 oder für eine Solarpflicht auf allen Neubauten ein.

Trotz aller Klimaschutz-Anstrengungen müssen wir uns aber an die bereits eingesetzten Klimaveränderungen anpassen: Dazu gehört, sich auf häufigere Extremwetter-Ereignisse vorzubereiten. Um Hochwasser-Katastrophen zu verhindern, setzen wir uns für den naturnahen Binnen- und Außendeichbau ein und wollen Anreize für die Renaturierung von Bächen und Auen setzen. Retentionsflächen wollen wir erhalten, und auch der Bau von Flutpoldern ist ein wichtiger Bestandteil der Sicherheitsvorkehrungen.

Beim Schutz vor Hochwasser dürfen wir den Blick aber nicht nur auf die großen Gewässer lenken, jeder kleine Bach kann sich innerhalb weniger Minuten in einen reißenden Strom verwandeln, wie sich zuletzt auf dramatische Weise gezeigt hat. Daher müssen wir die Gefahrenlage in jeder einzelnen Kommune genau überprüfen. Fördermittel zum Hochwasserschutz stehen in ausreichender Höhe zur Verfügung, sie werden bisher aber nur zögernd abgerufen. Mit einem verpflichtenden Hochwasser-TÜV wollen wir in Bayern dafür sorgen, dass die Gelder künftig schneller für geeignete Maßnahmen verwendet werden. Unabhängige Experten sollen die Gefahrenlage für Hochwasser in jeder Kommune in einem Praxis-Check bewerten und Empfehlungen zum Hochwasserschutz abgeben. Hochwasserschutz ist die beste Form der Klimaanpassung.”

FDP

“Wir Freien Demokraten wollen einen handlungsfähigen Staat. Dazu gehört, dass der Staat seine Bürgerinnen und Bürger auch im Katastrophenfall bestmöglich schützt. Wir streben auch hier eine umfassende Modernisierung unseres Landes an. Um die Menschen künftig besser vor Hochwasser-Katastrophen zu schützen, wollen wir ein niedrigschwelliges und digitales Frühwarnsystem aufbauen. Mit der Mobilfunk-Infrastruktur sind Warnungen per SMS auf jedes Handy in einem Gefahrenbereich leicht umsetzbar. Aktuell behindert die geltende Rechtslage diesen Cell-Broadcast, der in anderen Ländern längst üblich ist. Das wollen wir ändern.

Für den Fall, dass Strom und Mobilfunk ausfallen, müssen weitere Kommunikationsmittel wie Sirenen und Lautsprecher zur Verfügung stehen. Zudem wollen wir das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ausbauen und so die Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen optimieren. Wir wollen darüber hinaus klären, ob und wie die Meldungen des EU-Flutwarnsystems früher an die Menschen hätten gelangen können. In unserem Wahlprogramm fordern wir mehr Mittel und eine bessere Ausrüstung der Bundeswehr. Die aktuelle Katastrophe zeigt, wie wichtig der Einsatz unserer Soldatinnen und Soldaten auch bei nationalen Katastrophenfällen ist. Ganz grundsätzlich wollen wir Investitionen in die Kernfunktionen unseres Staates stärken.”

Die Linke

“Regen fällt vom Himmel. Aber dass sich schwere Unwetter häufen, hat seine Ursache im menschengemachten Klimawandel. Hitzerekorde, Waldbrände, Starkregen und Überschwemmungen – all diese Phänomene nehmen zu und gefährden das Leben und die Existenz von Menschen.  Den Klimawandel aufzuhalten, ist daher eine Überlebensfrage der Menschheit. Wir dürfen beim Klimaschutz nicht länger auf kurzfristige Interessen der Wirtschaft Rücksicht nehmen, angesichts der dramatischen Folgen. Wir müssen viel schneller weg von Kohle und Öl. Energie, Verkehr und Wohnen müssen so umgebaut werden, dass sie nicht länger schädlich fürs Klima sind.

Diese dringend notwendigen Maßnahmen, auch wenn sie sofort und konsequent umgesetzt werden, können die Klimaerwärmung nur begrenzen. Deshalb müssen wir auch Vorkehrungen treffen, um Städte und Gemeinden auf Extremwetter-Phänomene wie Hitzesommer, Stürme und Hochwasser-Katastrophen vorzubereiten, bestmöglich vorherzusagen und abzumildern.

Maßnahmen wie Bodenentsiegelung, Renaturierung, Begrünung von Stadtgebieten sind wesentliche Bausteine, um auf die Herausforderungen vorbereitet zu sein. Dazu gehört auch festzustellen, welche Gebiete noch als sicheres Bauland gelten und wo zum Beispiel potentielle Überflutungsgebiete liegen. Die Klimafolgenforschung leistet hier seit vielen Jahren wichtige Arbeit, und ihre Erkenntnisse müssen endlich politisch ernst genommen und umgesetzt werden.

Notwendig ist auch, den Katastrophenschutz zu stärken, allem voran die Warnung und die Evakuierung der Bevölkerung. Hier gibt es offensichtlich bislang große Defizite, die in der aktuellen Flutkatastrophe vielen Menschen das Leben gekostet haben.

Allen sollte klar sein, dass wir nach dieser Katastrophe nicht einfach zur Tagesordnung übergehen dürfen.”

Bündnis 90/Die Grünen

“Die Wassermassen kosteten viele Menschen das Leben, rissen Existenzen davon und zerstörten Heimat – die aktuelle Flutkatastrophe lässt uns alle tief betroffen zurück, und unsere Anteilnahme und Solidarität gilt denen, die ihre Angehörigen verloren haben und vor dem Nichts stehen. Unser Dank und unsere Anerkennung geht an die vielen haupt- und ehrenamtlichen Helfer*innen, die unermüdlich retten und räumen. Wir müssen jetzt zunächst dafür sorgen, dass Hilfen schnell und unkompliziert bei den Menschen vor Ort ankommen.

Die Flutkatastrophe führt uns schmerzlich vor Augen, dass die Klimaerhitzung nicht nur auf weit entfernten Pazifikinseln zur Bedrohung wird, sondern auch bei uns in Deutschland spürbare Folgen hat. Dagegen müssen wir uns dringend besser wappnen. Wir Grüne fordern deshalb, Katastrophenschutz und Wettervorhersagen stärker zu verzahnen und eine zentrale Koordinationsstelle beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zu schaffen, die in unübersichtlichen Lagen die Hilfen koordiniert. Auch gilt es, die Menschen besser zu warnen, vorzugsweise auf mehreren Wegen wie Cell-Broadcasting, Warn-Apps oder die klassische Sirene. Außerdem müssen Hochwasserrisiken insgesamt neu bewertet und die Bevölkerung regelmäßig über geeignete Schutzmaßnahmen informiert werden.

Die beste Vorsorge gegen Hochwasser ist es, das Wasser ‘in der Landschaft’ zu halten, damit sich Starkregen gar nicht erst zu solchen Wassermassen auftürmen kann. Das gelingt, indem wir unter anderem neue Überflutungsgebiete schaffen, Flächen entsiegeln, die Kommunen zu klimafesten Schwammstädten umbauen und die Fließgeschwindigkeit durch natürliche Hindernisse im Flusslauf reduzieren. Ergänzend dazu müssen wir auch auf technischen Hochwasserschutz setzen, wie etwa Rückhaltebecken, mobile Hochwasserwände sowie die Ertüchtigung von Wällen und Deichen.

All diese Maßnahmen bekämpfen lediglich die Symptome der Klimaerhitzung, doch selbstverständlich müssen wir auch an die Ursachen ran: Deshalb pochen wir Grünen vehement darauf, das Klimaabkommen von Paris umzusetzen. Wir wollen die Wirtschaft ökologisch modernisieren, schnell aus der Kohle aussteigen, klimaschädliche Subventionen abbauen und einen höheren CO2-Preis bei gleichzeitiger sozialer Entlastung von Kleinverdiener*innen und Familien einführen.”

29. Juli 2021 – Erdüberlastungstag — Übersicht (Für Deutschland bereits am 05. Mai 2021)

Earth Overshoot Day 2019: Ressourcen verbraucht in Deutschland

Eine kleine Auswahl an Presse-Berichten zum Weltüberlastungstag (wird kontinuierlich fortgeschrieben) :

Hintergrund :

Presse Berichte

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(Hinweise zu weiteren wichtigen Beiträgen bitte an
boklima (at) boklima (dot) de )

Klimaschutz: Autarkes Wohnen im Wasserstoff-Haus

(25.07.21 , aus capital ) , Original : hier

Wasserstoff ist mittlerweile auch im Eigenheim angekommen. Dank einer Kombination aus Solarenergie und Wasserstoff können Verbraucher vollständig autark und klimaneutral wohnen – doch dafür müssen sie derzeit noch tief in die Tasche greifen von Marilena Piesker 25. Juli 2021

Hausbesitzer könnten in Deutschland künftig völlig autark leben: Denn dank Wasserstoff lassen sich Strom und Wärme einfach zu Hause produzieren. Das Prinzip dahinter ist simpel: Solarmodule auf dem Dach sammeln Sonnenenergie, die sich mittels Elektrolyse in Wasserstoff umwandeln lässt. Eine Brennstoffzelle im Keller des Hauses macht aus dem Wasserstoff Strom und speist ihn ins Haus ein.

Energie, die nicht genutzt wird, verbleibt in einem Speicher. Bei dem Prozess entsteht zusätzlich Wärme, die Hausbesitzer zum Heizen verwenden können. Das Neue daran: Weil der selbstproduzierte Solarstrom den Wasserstoff generiert, sind Strom und Heizung klimaneutral – sie verursachen also keine CO2-Emissionen mehr.

Verbraucher, die Elektrizität und Wärme mit Wasserstoff erzeugen, sparen nicht nur Strom- und Heizkosten, sondern schonen zugleich auch die Umwelt. Dennoch setzen in Deutschland immer noch die wenigsten Hausbesitzer auf diese Technologie. Der Grund: Wer mit Hilfe von Wasserstoff autark leben will, muss derzeit noch viel Geld in die Hand nehmen. Oft rechnet sich die Investition erst nach einigen Jahren und längst nicht jeder Wasserstoff ist auch klimaneutral.

Nutzung von Brennstoffzellen-Heizungen

Eine Möglichkeit, Wasserstoff zu Hause zu nutzen, besteht in der Installation von Brennstoffzellen-Heizungen. Die Nachfrage danach ist groß, wie eine Umfrage des Portals Hausfrage.net zeigt: Demnach möchten rund 31 Prozent der deutschen Verbraucher in Zukunft auf eine Brennstoffzellen-Heizung umsteigen.

ImmobilienSo rentiert sich die Solaranlage auf dem DachViele Hausbesitzer hätten gern eine Solaranlage auf dem Haus, scheuen aber die Kosten. Dabei sind Solarmodule inzwischen nicht nur effizienter, sondern auch deutlich günstiger als früher. Welche Renditen möglich sind und worauf Eigentümer achten sollten

Zwar funktionieren die meisten Brennstoffzellen-Heizungen ähnlich wie eine klassische Gasheizung mit Erdgas. Allerdings verbrennen sie dieses Gas nicht, sondern erzeugen Wärme und sogar Strom stattdessen mittels einer chemischen Reaktion: Aus dem Erdgas wird zunächst Wasserstoff gewonnen, der dann mit dem Sauerstoff aus der Umgebung reagiert.

Brennstoffzellen sind im Vergleich zu anderen Heizsystemen sehr effektiv. Laut einer Studie der deutschen Gaswirtschaft lassen sich mit dieser Technologie im Schnitt bis zu 66 Prozent an Energiekosten einsparen im Vergleich zu einer klassischen Gasheizung.

Ein weiterer Vorteil: Brennstoffzellen-Heizungen sind relativ emissionsarm. Im Schnitt verbrauchen sie 69 Prozent weniger CO2 als ein klassischer Gas-Heizkessel. Da die Brennstoffzelle Wasserstoff aus fossilem Erdgas gewinnt, ist diese Form des Heizens allerdings nicht klimaneutral. Diese Form des Wasserstoffs bezeichnet man auch blauen Wasserstoff.

Anmerkung BoKima :

Zitat:
Von der staatlichen Förderbank KfW können Interessenten zurzeit einen Zuschuss von bis zu 10.000 Euro für ein Brennstoffzellen-Heizung bekommen, und sogar bis zu 15.000 Euro für die Installation des regenerativen Picea-Systems.

Die Förderung der Brennstoffzellenheizung auf Basis von Erdgas ist klimaschädigend und müsste sofort eingestellt werden.

Einsatz von Photovoltaik

Wasserstoff lässt sich aber auch aus regenerativen Energien wie Photovoltaik gewinnen. Diese Variante wird als sogenannter grüner Wasserstoff bezeichnet.  Das Besondere daran: Wenn Solarenergie in Wasserstoff umgewandelt wird, lässt er sich speichern. Dieser Vorgang macht den Solarstrom sogar im Winter nutzbar, weil sich der überschüssige Wasserstoff in einem Tank speichern lässt.

Deutschlandweit ist bisher allerdings nur ein Anbieter dieser regenerativen Technik bekannt. Das Berliner Start-up Home Power Solutions (HPS) hat mit Picea einen Speicher entwickelt, der Hausbesitzern das gesamte Jahr über eine vollständig CO2-freie Energieversorgung garantieren soll.

Preis schreckt viele ab

Doch so romantisch das autarke Leben auch klingt und so wichtig die Umstellung auf Wasserstoff für den Klimawandel langfristig ist – sie hat für Verbraucher auch ihren Preis und der schreckt viele ab. Egal ob Eigenheimbesitzer auf die Brennstoffzellen-Heizung mittels Erdgas oder regenerativer Energien umsteigen wollen – die Anschaffung ist in jedem Fall teuer und amortisiert sich erst nach vielen Jahren.

Dabei müssen Verbraucher, die klimaneutral heizen wollen, nochmal deutlich tiefer in die Tasche greifen: Während Eigenheimbesitzer für eine Brennstoffzellen-Heizung mit Erdgas durchschnittlich 30.000 Euro an Anschaffungskosten hinlegen müssen, kostete das regenerative System Picea im Schnitt zwischen 70.000 und 100.000 Euro. Käufer sparen zwar erheblich an Energiekosten ein, trotzdem amortisiert sich die Anschaffung einer Brennstoffzellen-Heizung erst nach knapp 15 Jahren, die von Picea sogar erst nach 26 Jahren.



Tip von Ingo