Gewaltiger Gletscherabbruch — Auswirkung auf das Klima

(28.12.21, WDR5) Gewaltiger Gletscherabbruch: “Schlüsselkomponente”

WDR 5 Morgenecho – Interview. 28.12.2021. 06:17 Min..

kalbende Front des Thwaites-Gletschers Audio starten, abbrechen mit Escape

Am Südpol zerbricht momentan der riesige Thwaites-Gletscher. “Das Abschmelzen des Thwaites wird den gesamten Westantarktischen Eisschild empfindlicher machen”, sagt der Gletscher-Forscher Olaf Eisen. Der Prozess sei langsam, aber nicht mehr zu stoppen.



(15.12.21, travelbook.de), Forscher wegen „Weltuntergangs-Gletscher“ in der Antarktis alarmiert

Wichtiger Schutzschild könnte wegbrechen

Forscher wegen „Weltuntergangs-Gletscher“ in der Antarktis alarmiert

Von Larissa Königs | 15. Dezember 2021, 11:08 Uhr

Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis wird oft auch „Doomsday-Glacier“ genannt, also „Weltuntergangs-Gletscher“. Der Grund: Er gilt als einer der für den Klimawandel gefährlichsten Gletscher. Sein weiteres Schicksal könnte unsere Welt dramatisch verändern. Nachdem erst im Frühjahr festgestellt worden war, dass der Gletscher schmilzt, kommt nun heraus: Der Prozess läuft deutlich schneller als ursprünglich gedacht. Die Details.

Wenn man das Weltklima und vor allem den Klimawandel betrachtet, sprechen Wissenschaftler oft von sogenannten „Kipp-Punkten“. Damit werden Elemente bezeichnet, die das Klima unwiderruflich verändern würden. Einer von ihnen ist der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis. Der gigantische Gletscher ist etwa doppelt so groß wie Österreich und wirkt wie eine Barrikade für noch größere Eismassen. Zumindest noch. Denn Forscher befürchten, dass der wichtigste Schutzschild des Gletschers schon in den nächsten fünf Jahren abbrechen könnte.

Ein Forscherteam berichtete am Montag auf dem Jahrestreffen der Amerikanischen Verbands der Geophysiker (AGU), man habe im 45 Kilometer breiten „Ende“ des Gletschers, dort, wo das Eis auf das Meerwasser trifft, Risse entdeckt. Und diese Risse könnten, so die Forscher, die Geschwindigkeit des Zerfalls verdreifachen. Deswegen fürchten die Wissenschaftler, dass der Schutzschild innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre in Hunderte Eisberge zerfallen und komplett verschwinden könnte. Die Folgen wären verheerend.

Denn bricht der Schutzschild zusammen, ist der Gletscher dem Untergang geweiht. „Auf einmal würde das ganze Ding zusammenbrechen“, sagte Gletscherforscherin und Studienleiterin Erin Pettit von der University of Oregon.

Welchen Einfluss hat der Thwaites-Gletscher auf das Klima?

Das Problem: Das Zurückziehen des „Doomsday-Glaciers“, also „Weltuntergangs-Gletschers“, hätte dramatische Folgen für das gesamte Weltklima. Denn sollte das Schelfeis des Thwaites-Gletschers immer dünner werden, desto eher brechen auch größere Teile ab. Und je schneller diese abbrechen, desto schneller wird auch der Eisabfluss auf dem Festland. „Man kann sich das wie einen Korken auf einer Sektflasche vorstellen, der, wenn einmal geöffnet, den Weg für alles Nachkommende ebnet“, erklärt Dr. Johann Philipp Klages vom Alfred Wegener Institut im Gespräch mit TRAVELBOOK. Er ist Sedimentologe und befasst sich seit Jahren besonders mit den Gletschern in der Antarktis. Er betont, dass es sich bei dem Gletscher tatsächlich um einen Kipp-Punkt handelt.

Hinzu kommt, dass der Thwaites-Gletscher und der danebenliegende Pine-Island-Gletscher zusammen einen Großteil des antarktischen Eisschildes ausmachen. Gemeinsam sind sie mehrere Hundert Kilometer lang. Genau hier liegt die Gefahr: Denn beide Gletscher speichern gigantische Mengen Wasser. „Wir wissen aus der Vergangenheit, dass sich diese Gletscher schon mehrere Male dramatisch zurückgezogen haben. Sollte das wieder passieren, würden alleine diese beiden Gletscher für einen Anstieg des Meeresspiegels von etwa 1,5 Metern sorgen“, erklärt Klages. Das wäre aus heutiger Sicht global betrachtet nicht weniger als eine Katastrophe und würde zum Untergang von Metropolen auf der ganzen Welt führen.

Erst im Frühjahr kam die Wissenschaftlerin Anna Wåhlin von der Uni Göteborg in einem Bericht im wissenschaftlichen Magazin „Science Advances“ zu dem Ergebnis, dass die Unterseite des Thwaites-Gletschers deutlich stärker schmilzt als bisher angenommen. Das hatte eine Expedition von Wåhlin und ihrem Team zum Gletscher ergeben. Dort wurde ein Tauchroboter eingesetzt, der sowohl die Zunge als auch den Meeresboden untersuchen sollte.

Wie genau ist der Thwaites-Gletscher aufgebaut?

Wichtig zu wissen ist, dass die Zunge zwar über dem Wasser schwebt und somit bereits durch warme Zuflüsse angetaut wird. Der größte Teil des Gletschers liegt jedoch auf Festland. Das Problem ist allerdings, dass das Festland wiederum unterhalb des Meeresspiegels liegt. Dadurch sind die Eismassen sehr angreifbar. Bislang ging man zwar davon aus, dass die warmen Zuflüsse vom Ozean das aufliegende Gletschereis nur in kleinen Korridoren erreichen – doch das hat sich nun geändert.

Die Untersuchungen von Wåhlin und ihrem Team haben gezeigt, dass es sehr viel mehr unterirdische Tunnel und Täler gibt. Durch sie gelangt warmes Wasser auch zum Rest des Thwaites-Gletschers und lässt das darüberliegende Schelfeis ausdünnen. Wobei warm in diesem Fall relativ ist. „Die Wasser-Temperatur liegt bei circa 1 bis maximal 1,5 Grad Celsius. Für uns Menschen ist das kalt, doch es ist eben oberhalb des Gefrierpunkts von Salzwasser“, erklärt Klages. „Das warme Wasser war und ist aktuell in der Westantarktis der wichtigste Antrieb, warum die Gletscher sich zurückziehen.“

Die Zukunft des Gletschers ist ungewiss

Valide Aussagen, wann der Thwaites-Gletscher wirklich wegschmelzen wird, sind allerdings schwierig. „Wir können aktuell noch nicht sicher sagen, welche Dynamik überhaupt bei dem Gletscher zutrifft. Die Modelle, die wir haben, sind auch immer nur so gut, wie die verfügbaren Daten“, erklärt Klages, der vor allem Daten aus der erdgeschichtlichen Vergangenheit analysiert. Deswegen forsche man aktuell auch von deutscher Seite so intensiv an den Gletschern der Westantarktis. Er rechne allerdings fest damit, dass man in der Zukunft verlässliche geologische Beweise für ein komplettes Zusammenbrechen des westantarktischen Eisschildes finden werde.

Dennoch: Klages hält nicht viel davon, den Gletscher mit Adjektiven wie „gefährlich“ oder mit furchterregenden Spitznamen zu belegen. „Es handelt sich um einen ganz normalen Gletscher. Alleine die Bedingungen, die ihn umgeben, machen ihn besonders. Allerdings ja auch nur, weil sie dafür sorgen könnten, unsere angestammten Lebensräume zu verändern“, meint Klages. Das sollte jedoch Grund genug sein, diesen Prozess noch aufzuhalten. Es ist zu hoffen, dass dies noch gelingt.


(15.12.21, geo.de) , Westantarktis Thwaites-Gletscher schmilzt rasant: Forschende warnen vor dramatischem Wandel

Der riesige Thwaites-Gletscher in der Westantarktis verhindert, dass gewaltige Eismengen in den Ozean fließen. Doch Satellitenfotos beweisen: der Gletscher verliert viel Eis. Ein britisch-amerikanisches Forschungsteam warnt nun eindringlich vor den globalen Folgen

Forschende eines britisch-amerikanischen Projekts haben vor einem “dramatischen Wandel” an dem gigantischen Thwaites-Gletscher in der Antarktis infolge der Erderwärmung gewarnt. Bereits innerhalb von weniger als zehn Jahren könne ein auf dem Meer schwimmender Teil an der Vorderseite des Gletschers “zersplittern wie die Windschutzscheibe eines Autos”, warnte der leitende US-Glaziologe Ted Scambos von dem Projekt International Thwaites Glacier Collaboration (ITGC) im Gespräch mit der BBC. Sowohl veröffentlichte als auch noch unveröffentlichte Studien deuteten dies an, fuhr der Forscher fort. Grund dafür sei warmes Wasser, das unter den Gletscher gelange.

Menge an Eis, die der Thwaites-Gletscher verliert, hat sich in 30 Jahren verdoppelt

Der Thwaites-Gletscher steht unter Dauerbeobachtung der Wissenschaftler. Sie messen die Geschwindigkeit, in der das Eisfeld schmilzt. Die Menge an Eis, die den Gletscher verlässt, hat sich nach Angaben der Forscher in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt.

Der Thwaites-Gletscher, der auch als “Doomsday Glacier” (Gletscher des jüngsten Gerichts) bezeichnet wird, liegt in dem als Marie-Byrd-Land bezeichneten westlichen Teil der Antarktis. Das Eisfeld erstreckt sich über eine Fläche von der Größe des US-Bundesstaats Florida.

Sollte das gesamte Eis im Einzugsgebiet des Gletschers eines Tages schmelzen, würde das den Meeresspiegel um bis zu 65 Zentimeter steigen lassen, wie die BBC berichtete. Mit diesem Szenario, auf das sich die Bezeichnung mit dem jüngsten Gericht bezieht, wird aber erst in mehreren Jahrhunderten gerechnet.


(11.07.21, hna.de) , Katastrophale Folgen für das Klima? „Weltuntergangs-Gletscher“ schmilzt schneller als erwartet

Forschende haben auf der Unterseite des Thwaites-Gletschers in der Antarktis Warmwasserströme entdeckt. Das könnte enormen Gefahren für das Klima bedeuten.

Antarktis – In wissenschaftlichen Kreisen wurde der Thwaites-Gletscher in der Antarktis bereits „Weltuntergangs-Gletscher“ getauft. Zusammen mit dem Pines-Gletscher hält er in der Westantarktis die Eismassen vom Südpazifik ab. Wenn er dies einmal nicht mehr schafft, wird der Meeresspiegel noch viel schneller ansteigen als bislang.

Nach Angaben des Online-Wissenschaftsportal spektrum.de hat die Wissenschaftlerin Karen Heywood von der University of East Anglia erstmals die Unterseite des Gletschers erforscht. Das Ergebnis ihrer Expedition teilte sie in der Zeitschrift Science Advances mit. Die neuen Daten belegen: Um den Gletscher steht es schlimmer als gedacht.

Weltuntergangs-Gletscher: Warmwasserkanal entdeckt

Während ihrer Expedition setzte das Team um Heyword einen eigenständig tauchenden Roboter ein. Die gesammelten Informationen offenbarten, dass Warmwasserströme auf der Unterseite des Thwaites-Gletschers verlaufen. Diese sorgen derzeit dafür, dass der Gletscher von unten ausgehöhlt wird. Daher sei es gut möglich, dass der Teil des Eises, der den Meeresboden berührt, immer weniger wird. Der gesamte Gletscher schiebt sich in Richtung Festland. Das beschleunigt den Schmelzvorgang zusätzlich, da immer neue Bereiche dem Warmwasser ausgesetzt werden.

NameThwaites-Gletscher
StandortIm westantarktischen Marie-Byrd-Land
GrößeRund 192.000 km² (Stand: 2010)
BesonderheitenDer Gletscher liegt in einer Gegend mit erhöhter vulkanischer Aktivität.

Unter dem Gletscher fand der eingesetzte Tauchroboter drei Warmwasserkanäle, darunter ein noch komplett Unbekannter. In einem der drei Kanäle stellten die Wissenschaftler:innen eine Wärmeenergie von etwa 0,9 Terrawatt fest. Diese Energie schmelze jährlich über 75 Kubikkilometer Eis – Mehr als 25 mal so viel wie Wasser im Starnberger See.

Video: Schneller als je zuvor – die Gletscher der Welt schmelzen

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Weltuntergangs-Gletscher in der Antarktis: Katastrophaler Anstieg des Meeresspiegels?

Die Wissenschaftler stellten zudem fest, dass eine große Menge des warmen Wassers an den Stellen fließe, an denen der Gletscher noch auf dem Meeresboden steht. Durch das schmelzende Eis verliere der Gletscher an Gleichgewicht und Stabilität. Das führt wiederum zu einem schnelleren Schmelzen.

Wenn der Gletscher auseinanderbreche, würden die Eismassen dahinter frei ins Meer treiben. Dies würde zu einem viel zu schnellen Anstieg des Meeresspiegels führen und katastrophale Auswirkungen auf das Klima der Welt haben. Derzeit sorgt das Schmelzen der Gletscher in der Westantarktis für rund zehn Prozent des weltweit steigenden Meeresspiegels. Allein 40 Prozent davon ist auf den Thwaites-Gletschers zurückzuführen. Das Wetter in Deutschland* hat sich in den letzten Jahren schon aufgrund des Klimawandels verändert. Die Winter werden milder und die Sommer immer wärmer. (ebb) *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA


Klimapodcast Gradmesser „Wir schaffen die Klimaziele nicht annähernd“

(17.12.21, tagesspiegel.de) , Original : hier

Podcast mit Klimaphysiker Wolfgang Lucht.

Direkt zum Podcast : hier

Deutschland reißt die 1,5-Grad-Grenze und verpulvert viel zu schnell sein CO2-Budget. Was das bedeutet, und wie sich die Politik jetzt Emissionen schön rechnet. Ruth Ciesinger

SPD, Grüne, FDP und Union – sie haben sich im Wahlkampf demonstrativ zum 1,5-Grad-Ziel bekannt. Und jetzt? Bisher bringen auch die Pläne der Ampel bei weitem nicht so schnell CO2-Neutralität, wie Deutschland sie nach dem Pariser Klimaabkommen erreichen müsste. „Wir schaffen die Klimaziele nicht annähernd“, sagt Klimaphysiker Wolfgang Lucht. https://cdn.podigee.com/podcast-player/podigee-podcast-player.html?id=pdg-aa36757&iframeMode=script

Wenn die Menschheit mit einer Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen will, bleibt Ihr aktuell ein CO2-Budget von rund 320 Gigatonnen, das noch in die Atmosphäre verheizt werden kann. Wenn nicht drastisch gegengesteuert wird, das ergeben die Berechnungen des Weltklimarates, dann ist das Budget in etwas mehr als sieben Jahren aufgebraucht.

Aber wie lässt sich so ein globales CO2-Budget eigentlich so leicht errechnen? Warum ist es ungleich schwerer, einen gerechten Verteilungsmaßstab für die einzelnen Staaten zu finden? Mit was für Tricks rechnet die Politik jetzt Emissionen schön? Um diese Fragen und mehr geht es in dieser Gradmesser-Folge mit Professor Wolfgang Lucht, Leiter der Abteilung für Erdsystemanalyse am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung und Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen.

Spannend außerdem: Wenn Menschen wissen, worum es in der Klimakrise wirklich geht, dann sind sie zu deutlich größeren Einschränkungen bereit, das hat Wolfgang Lucht bei seiner Begleitung des Bürgerrates Klima gemerkt. „Da geht noch viel mehr“, sagt er. Doch die Regierung muss vorher erstmal ehrlich sein.

Aktivitäten fürs Klima — Klimasünder – Klimahelden: Eine Reise um die Welt (ARD)

Ein besonderes Projekt zum Klimagipfel: Die Weltspiegel-Korrespondentinnen und Korrespondenten Tamara Anthony, Christian Blenker, Kerstin Klein, Sven Lohmann und Sandra Ratzow haben Klimahelden gesucht, die Hoffnung machen. Via Video-Call waren sie mit der Zentrale in Hamburg verbunden an ihren Drehorten von Grönland bis in die Wüste Gobi.

Link zum Video : hier

Besondere Beispiele :

  • Lebenswertes Singapoor : Grüne Hochhäuser , ab min : 33:35
    • In 10 Jahren mehr al 10 Millionen Bäume NEU anpflanzen
    • Auto-Anmelde-Beschränkung / Beschränkung der Neuzulassungen
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Campact zum Klimaschutz im Koalitionsvertrag

(26.11.21, campact) , Orginal : hier

Unsere Erfolge

„Mehr Fortschritt wagen“: Damit hat die Ampel aus SPD, Grünen und FDP ihren Koalitionsvertrag überschrieben. Doch wie viel Fortschritt wagt sie beim Klimaschutz – für den diese Regierung so entscheidend ist? Campact-Vorstand Christoph Bautz hat die 177 Seiten des Vertrags für Sie gewälzt. Lesen Sie seine Analyse!
was hat das alles fürs Klima gebracht – Hunderttausende auf der Straße, Millionen Türhänger an Deutschlands Haustüren, unser Trommeln auf allen Kanälen für die Klimawahl? Seit Mittwoch wissen wir mehr: Der Koalitionsvertrag der Ampel steht – und das Klima hat nach Jahren des Stillstands endlich zentrale Priorität. Das ist ein riesiger Erfolg für uns alle.
Ist damit alles paletti beim Klimaschutz? Mitnichten. Denn die Ampel-Koalition verfehlt ihren eigenen Anspruch, Deutschland auf den 1,5-Grad-Pfad des Pariser Klimaabkommens zu führen. Überall stand die FDP auf der Bremse – und häufig auch die SPD. Dabei haben beide im Wahlkampf noch selbst eine 1,5-Grad-Politik versprochen.[1] Wenn es nächstes Jahr um die Umsetzung der Gesetzesvorhaben geht, kann und muss die Ampel hier noch massiv nachbessern. Wir werden alles dafür tun.
In den einzelnen Bereichen – Energie, Verkehr, Agrar und Wärme – sind die Fortschritte höchst unterschiedlich verteilt. Teilweise sind sehr konkrete Maßnahmen formuliert; teilweise gute Ziele, aber ohne die nötigen Schritte, um sie zu erreichen. Und an vielen Stellen klaffen große Leerstellen. Wir haben für Sie den 177 Seiten starken Vertrag analysiert.[2] Wo ist etwas für den Klimaschutz erreicht – und wo müssen wir in den nächsten vier Jahren gemeinsam für mehr streiten?

Energiesektor: Der größte Erfolg

Dieser Doppelerfolg für das Klima sticht aus dem Koalitionsvertrag heraus: der Kohleausstieg 2030 und der massive Ausbau der erneuerbaren Energien. Acht Jahre früher soll Deutschland aus der Kohle raus. Gleichzeitig soll der Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtverbrauch bis 2030 auf 80 Prozent steigen. Besonders wertvoll wird diese Zahl dadurch, dass auch ein wesentlich höherer Gesamtstrombedarf angenommen wird. Der entsteht vor allem durch 15 Millionen neue Elektroautos, die 2030 auf unseren Straßen fahren sollen und Millionen neuer Wärmepumpen für Gebäude.
Das alles zusammen genommen ist ein riesiger Erfolg für uns alle. Für Fridays for Future und die Hunderttausenden auf den Straßen, für die Aktivist*innen im Hambacher Wald, für die Menschen in den Dörfern im Rheinland und der Lausitz, die von den Kohlebaggern bedroht sind. Unser jahrelanger Protest hat sich gelohnt – und gewirkt!

Verkehr: Es ändert sich wenig

Sehr dünn fällt die Bilanz für den Klimaschutz im Verkehrssektor aus. Er ist für 20 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich [3], diese wurden in den letzten 30 Jahren [4] überhaupt nicht gesenkt. Die Ampel-Koalition beschränkt sich bei diesem Thema vor allem auf eine Antriebswende: 15 Millionen E-Autos sollen bis 2030 auf den Straßen unterwegs sein und das Ende des Verbrennermotors Anfang der 2030er Jahre einläuten. Das ist ambitioniert – doch wie das konkret erreicht werden soll, bleibt völlig offen.
Was es neben einer Antriebswende braucht: eine grundlegende Verkehrswende, weg vom Auto, hin zu Fahrrad, Bus und Bahn. Und genau diese blockierten die Autoparteien SPD und FDP in den Verhandlungen. Deshalb schreckt die Ampel vor allem, was die Verkehrswende wirklich stärken würde, zurück: Weder soll der CO2-Preis mehr als geplant steigen noch werden klimaschädliche Subventionen wie das Diesel-Privileg oder die Pendlerpauschale abgebaut.[5]
Da passt ins Bild, dass die Grünen unverständlicherweise das Verkehrsministerium der FDP überlassen haben. Volker Wissing wird sich nur bewegen, wenn wir ihn als Bürger*innen mit breitem Protest dazu antreiben. Ganz konkret etwa bei einem sehr wichtigen Vorhaben der Ampel: Alle neuen Straßenbau-Projekte im Bundesverkehrswegeplan sollen auf den Prüfstand.

Agrar: Hier könnte was gehen

Unter der GroKo blockierte der Konflikt zwischen Umwelt- und Agrarministerium jeden Fortschritt hin zu einer Agrarwende, die dem Klima und der Artenvielfalt dient. Dies könnte sich jetzt ändern. Beide Ministerien sind in der Hand der Grünen und der Koalitionsvertrag enthält etliche Fortschritte.[6]
So plant die Ampel, den Anteil des Ökolandbaus in der Landwirtschaft von derzeit 10 auf 30 Prozent bis 2030 zu erhöhen. Die Agrarsubventionen der EU will sie stärker an ökologische Auflagen binden. Der Standard in der Tierhaltung soll für uns Verbraucher*innen auf Produkten klar gekennzeichnet werden. Wichtig ist zudem, dass der Umfang der Tierbestände von Landwirt*innen an die Größe ihrer Ländereien gebunden wird – das erschwert die Massentierhaltung.
Doch ähnlich wie beim Verkehr – es gibt keine tiefgreifende Veränderung. Die nötige, grundlegende Agrarwende fehlt: Weg von der bisherigen Orientierung am Weltmarkt, wo unsere Landwirt*innen zu Dumpingpreisen konkurrieren. Und hin zu einer Landwirtschaft, die gutes Essen zu fairen Preisen klimagerecht für die Region erzeugt. Genau hierfür wollen wir bereits am 22. Januar bei der „Wir haben es satt“-Demo in Berlin zusammen mit Verbraucher*innen und Bäuer*innen protestieren – soweit es die Corona-Lage zulässt.

Bauen: Erste Ansätze

16 Prozent der CO2-Emissionen entstehen im Gebäudebereich.[7] Doch bisher werden jährlich nur 1 Prozent des Gebäudebestands energetisch saniert.[8] In 2020 wurden sogar 600.000 neue Gasheizungen eingebaut [9] – ein großes Problem für den Klimaschutz. Die Ampel will hier etwas ändern: Jede neue Heizung soll auf der Basis von 65 Prozent Erneuerbaren betrieben werden – de facto das Aus für Gas- und Ölheizungen. Leider greift dies erst ab 2025. Auch die Standards für die energetische Sanierung von Gebäuden sollen strenger werden.
400.000 neue Wohnungen will die Ampel pro Jahr bauen lassen. Allerdings anscheinend weiter mit Stahl, Beton und Styropor – die erzeugen schon bei der Herstellung so viel CO2, wie das Gebäude im Betrieb sein ganzes Leben lang ausstößt.[10] Ökologische Baustoffe werden kaum berücksichtigt. Wichtig ist, dass der CO2-Preis künftig nicht mehr alleine von Mieter*innen, sondern auch von den Vermieter*innen getragen werden soll. Doch an die sozial gerechte Erhöhung des CO2-Preises traut sich die Ampel nicht heran.

Fazit: Was fehlt

Insgesamt bleibt festzuhalten: Die Pläne der Ampel sind weder von den Zielen noch von den konkreten Maßnahmen her ehrgeizig genug. Das für den 1,5-Grad-Pfad viel zu niedrige Klimaziel der GroKo von minus 65 Prozent CO2-Emissionen bis 2030 (im Vergleich zu 1990) wird nicht angehoben. Hier wäre mindestens minus 70 Prozent nötig. Und der Koalitionsvertrag weist nicht den richtigen Mix an Maßnahmen auf.
Überall wo mit neuen Technologien Klimaschutz vorangebracht werden kann, ist die Koalition ambitioniert. Windräder und Solarzellen aufstellen, Autos auf Elektroantrieb umstellen, Gebäude dämmen. So richtig diese Schritte sind – sie alleine reichen nicht, um die Klimakrise zu lösen. Dazu braucht es auch dieses: weniger. Weniger Autos, weniger Flugverkehr und weniger Fleischkonsum.
Fast alle Mittel, die wir hierfür benötigen, haben SPD und FDP verhindert. Den derzeit völlig unwirksamen CO2-Preis von aktuell 25 Euro will die Ampel nicht mehr als geplant erhöhen – obwohl die Grünen im Wahlkampf hier noch 60 Euro versprochen hatten. Damit entfällt ein zentrales Lenkungsinstrument für eine Mobilitäts- und Wärmewende komplett. Ordnungspolitik und klare Regeln – im Wahlkampf von SPD und FDP als Verbote diskreditiert – sind kaum zu finden. Und an die Milliarden klimaschädlicher Subventionen trauen sich die Koalitionär*innen fast nirgendwo heran.

Klimabewegung: Was jetzt ansteht

Was heißt das für uns und die gesamte Klimabewegung?
Zum einen: Wir müssen auch mit einer Ampel-Regierung weiter für grundlegenden Wandel streiten. Zum zentralen Feld der Auseinandersetzung wird hier die Verkehrspolitik. Überall im Land sollen weiter Autobahnen und Fernstraßen gebaut werden. Doch an vielen Orten wächst der Widerstand – lokale Bürgerinitiativen und Klimaaktivist*innen kämpfen gemeinsam. Gleichzeitig wird in vielen Städten darum gerungen, wie viel Platz das Auto noch beanspruchen kann und wo öffentlicher Raum für Spielstraßen, Fahrrad, Bus und Bahn umverteilt wird.
Zum anderen wird sehr viel an der konkreten Ausgestaltung der beschlossenen Klimaschutz-Maßnahmen hängen. Und über diese entscheidet die Ampel in den nächsten 12 Monaten. 2022 wird das Jahr der Umsetzung. Wie schnell und mit welchen Instrumenten der Kohleausstieg kommt, wie grundlegend der Bundesverkehrswegeplan neu gestaltet wird, wie genau der Ausbau der Erneuerbaren vorangebracht wird: All das entscheidet sich nächstes Jahr. Die Wirtschaftslobbys der fossilen Industrien werden alles dafür tun, um die Details zu verwässern. Das müssen wir verhindern – und umgekehrt dafür sorgen, dass wichtige Stellschrauben weiter gedreht werden als bisher vorgesehen.
Dieser Koalitionsvertrag zeigt, wie viel wir gemeinsam als Bürgerbewegung erreichen können. Und gleichzeitig, wie viel es noch zu tun gibt. Ich setze darauf, dass Sie, tom mayer weiter mit uns für konsequenten Klimaschutz streiten. Die Bedingungen dafür sind unter einer Ampel-Regierung besser denn je.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Christoph Bautz, geschäftsführender Vorstand Campact e.V.
PS: Der Koalitionsvertrag dreht sich natürlich nicht nur ums Klima. Doch auch insgesamt fällt unsere Bilanz gemischt aus. Gesellschaftspolitisch kommen mit der Ampel riesige Fortschritte, die jahrelang von CDU/CSU verhindert wurden. Auch sozialpolitisch setzt die neue Regierung progressive Akzente – etwa beim Mindestlohn und der Kindergrundsicherung. Einen schweren Stand haben hingegen Transferhilfe-Empfänger*innen. Und ein Totalausfall: Die Verteilungsgerechtigkeit, der FDP sei Dank. Für uns als Bürgerbewegung bleibt also auch unter der Ampel viel zu tun – wir freuen uns, dass Sie dabei sind.
[1]„Wahlprogramme-Analyse – Parteien verfehlen 1,5-Grad-Ziel“, ZDF Online, 9. September 2021

[2]„Mehr Fortschritt wagen. Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit“, Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP, SPD Online, eingesehen am 26. November 2021

[3]„Emissionsquellen“, Umweltbundesamt Online, eingesehen am 26. November 2021

[4]„Umweltbundesamt: ,Verkehr steuert in falsche Richtung’“, Tagesschau Online, 4. November 2021

[5]„FDP stellt Verkehrsminister: Jubel auf der linken Spur“, Der Spiegel Online, 26. November 2021

[6]„Agrarpolitik der Ampel-Koalition: Foodwatch für strengere Gesetze“, Taz Online, 25. November 2021

[7]„Treibhausgasemissionen sinken 2020 um 8,7 Prozent“, Bundesumweltministerium Online, 16. März 2021

[8]„So will der Bund bei der energetischen Sanierung zum Musterschüler werden“, Handelsblatt Online, 25. August 2021

[9]„Interesse an Gasheizungen auf Rekordhoch“, Zeitung für kommunale Wirtschaft, 6. Januar 2021

[10]„Die graue Energie: Der entscheidende Hebel für Klimaschutz beim Bauen“, Bauwende Online, eingesehen am 26. November 2021
Campact e. V. · Artilleriestraße 6 · 27283 Verden

10 neue Erkenntnisse der Klimawissenschaft 2021

(04.11.21, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung) , Original : hier

4.11.2021 – Während die zunehmenden Auswirkungen der sich verschärfenden Klimakrise rund um den Globus immer deutlicher sichtbar werden, weisen führende Forschende auf der COP26 auf dringende und miteinander verknüpfte Risiken und Lösungen hin. Die Reihe “10 neue Erkenntnisse in der Klimawissenschaft” ist ein Aufstellung der dringendsten Forschungsergebnisse und neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die dazu beitragen sollen, unmittelbare und gerechte Veränderungen in allen Sektoren herbeizuführen, um einen sicheren und bewohnbaren Planeten zu erhalten.

10 neue Erkenntnisse der Klimawissenschaft 2021
Zusammenhängende Klimaauswirkungen (Grafik angepasst von Wunderling et al, 2021)

Die wichtigsten Erkenntnisse in diesem Jahr:

  1. Eine Stabilisierung der Erwärmung bei 1,5°C ist immer noch möglich, aber es sind sofortige und drastische globale Maßnahmen erforderlich.
  2. Der rasche Anstieg der Methan- und Lachgasemissionen bringt uns auf den Weg zu einer Erwärmung von 2,7°C.
  3.  Großbrände – der Klimawandel führt dazu, dass extreme Brände neue Dimensionen mit extremen Auswirkungen erreichen.
  4. Kippeffekte des Klimas bringen hohe Risiken mit sich.
  5. Globale Klimamaßnahmen müssen gerecht sein.
  6. Die Unterstützung von Verhaltensänderungen in den Haushalten ist eine entscheidende, aber oft übersehene Möglichkeit für Klimaschutzmaßnahmen.
  7. Politische Herausforderungen behindern die Wirksamkeit von Kohlenstoffpreisen.
  8. Naturbasierte Lösungen sind entscheidend für den Weg nach Paris – aber es ist essentiell, sich das Kleingedruckte anzuschauen.
  9. Die Widerstandsfähigkeit von Meeresökosystemen kann durch klimaangepasste Erhaltung und Bewirtschaftung sowie durch globale Verantwortlichkeit verbessert werden.
  10. Die Kosten für die Eindämmung des Klimawandels lassen sich durch die zahlreichen unmittelbaren Vorteile für die Gesundheit von Mensch und Natur rechtfertigen.

“Die Wissenschaft ist sich darüber im Klaren, dass eine globale Erwärmung von mehr als 1,5°C die Menschen und Gesellschaften auf der ganzen Welt vor große Herausforderungen stellt und das Risiko erhöht, dass kritische Kipppunkte überschritten werden, die den Zustand des Klimasystems regulieren“, sagt Prof. Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Ko-Vorsitzender der Earth League. “Wir wissen nicht genau, bei welchem Temperaturanstieg die Kippelemente von einer dämpfenden zu einer sich selbst verstärkenden globalen Erwärmung übergehen, aber es wird immer klarer, dass wir so weit wie möglich von 2°C entfernt bleiben müssen. Das macht Kippelemente wie den grönländischen Eisschild und unsere großen Waldsysteme zu unseren neuen globalen Gemeingütern, die von der Weltgemeinschaft verwaltet werden müssen, um unsere Zukunft auf der Erde zu sichern.”


Mehr Informationen:

Der vollständige Report kann hier abgerufen werden (in ENG).

Weitere Infos vom PIK :

Neue Computermodelle: Pariser Klimaziel scheint nicht mehr erreichbar​

(22.11.21, heise.de) , Original : hier
(20.11.21, taz.de) , Original : hier ; s. unten (Länder-Ranking zur Klimapolitik, Im Klimaschutz-Index von Germanwatch landet Dänemark ganz oben. Keines der bewerteten Länder ist auf dem 1,5-Grad-Pfad.)
(19.09.19, tagesspiegel. de ) , Original : hier , s. unten (Klimawandel Forschung: Pariser Klimaziel schon jetzt nicht mehr erreichbar?)


Selbst wenn alle Länder ihre Klimaziele für 2030 erfüllen, dürfte die durchschnittliche Erderwärmung bis 2100 über 2 Grad betragen. Von Stefan Krempl

Eine Forschergruppe hat mit computergestützten Bewertungsmodellen die Entwicklung der globalen CO2-Emissionen im Energiebereich neu berechnet. Als Basis hat sie die kurzfristigen Eindämmungsbemühungen herangezogen und zwei Annahmen darüber, wie diese nach 2030 fortgesetzt werden.

Dabei kommen sie zu dem Ergebnis,
dass weder das 1,5- noch das 2-Grad-Ziel des Pariser Abkommens erreichbar seien,
selbst wenn alle Staaten ihre Klimaziele in den nächsten neun Jahren einhalten.

Trotz der großen Bandbreite an Emissionen bis 2050 ergebe sich zwar für fast alle Szenarien zumindest keine mittlere Erwärmung von über 3 Grad im Jahr 2100 gegenüber dem vorindustriellen Niveau, schreibt das Team in seiner am Montag im Fachjournal “Nature Climate Change” veröffentlichten Studie.

Allerdings reiche auch die optimistischste Situationsbeschreibung nicht aus, um die globale Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen. Wahrscheinlicher sei eine durchschnittliche Erderwärmung von 2,2 bis 2,9 Grad bis dahin. Das genaue Resultat sei abhängig von den Annahmen, die in das Computermodell eingehen.

Der Großteil der bisherigen Literatur zu integrierten Bewertungsmodellen konzentriert sich auf kosteneffiziente Pfade, um bestimmte Temperaturziele zu erreichen. Bekannte Modellierungen gehen so meist von einem gesetzten Temperaturziel aus und bestimmten Emissionsverläufen, die damit kompatibel sind. Der Ansatz der Autoren der aktuellen Studie läuft andersherum: Basierend auf heutiger Klimapolitik berechnen sie den wahrscheinlichsten Emissionsverlauf bis 2100. Dazu vergleichen sie sieben verschiedene “Integrated Assessment Models”. Diese simulieren, wie sich Energiewirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden.

Jedes dieser Modelle arbeitet mit unterschiedlichen Annahmen. ….

Laut der Untersuchung hat die Wahl des Modells großen Einfluss darauf, wie stark der jeweilige Temperaturanstieg ausfällt. Ob Länder ihre Klimaziele bis 2030 vollständig erfüllen, spielt dagegen eine untergeordnete Rolle für die Vorhersage. ….

Die Daten, auf denen die Studie basiert, wurden im September 2021 veröffentlicht. Somit sind die Beschlüsse und nachgeschärften Klimaziele der UN-Klimakonferenz COP26 im November in Glasgow nicht berücksichtigt. Parallel dazu publizierte Berichte verschiedener Organisationen decken sich aber grob mit den Resultaten der Analyse, auch wenn sie damit nur begrenzt vergleichbar sind. Die Rede ist darin von einer durchschnittlichen globale Erwärmung von rund 2,7 Grad auf Basis der aktuellen Klimapolitik und ein Temperaturplus von rund 2,4 Grad, falls alle Staaten ihre Klimaziele erreichen. 1,8 Grad seien allenfalls realistisch, wenn sämtliche Netto-Null-Zusagen eingehalten würden.


Weitere Infos / Links zum Thema

Länder-Ranking zur Klimapolitik, Im Klimaschutz-Index von Germanwatch landet Dänemark ganz oben. Keines der bewerteten Länder ist auf dem 1,5-Grad-Pfad.)

(20.11.21, taz.de) , Original : hier ;

BERLIN taz | Plätze 1 bis 3 des Klimaschutz-Indexes bleiben frei: Selbst die Klimaschutz-Bemühungen der größten Vorbilder der Welt reichen nicht, um die Erderhitzung unter +1,5 Grad Celsius zu halten. Die Spitzenländer des diesjährigen Klimaschutz-Index, Dänemark, Schweden und Norwegen, landen deshalb nur auf den Rängen vier bis sechs.

Deutschland hat sich ein wenig verbessert: Von Platz 19 im vergangenen Jahr ging es dieses Jahr auf Platz 13.

Der Klimaschutz-Index stammt von den Organisationen Germanwatch, NewClimate Institute und Climate Action Network. Sie bewerteten die Klimaschutzprogramme von 60 Staaten und der EU – zusammen sind diese für 92 Prozent der ausgestoßenen Treibhausgase verantwortlich. Der Index bewertet und rankt die Klimaschutz-Anstrengungen der einzelnen Länder. Dabei wird auch berücksichtigt, dass Entwicklungsländer nach dem Pariser Abkommen mehr Zeit für den Umbau zusteht als Industrienationen.

Im Bericht basieren fast 80 Prozent der Bewertung auf Daten der Vereinten Nationen zu Treibhausgasemissionen, dem Ausbau der erneuerbaren Energien und dem Energieverbrauch. Bei dem Rest wird die Klimaschutzpolitik der Länder von den Organisationen selbst bewertet.

Auf dem obersten Platz des Rankings ist in diesem Jahr Dänemark. Dazu heißt es: Innerhalb von zwei Jahrzehnten ist Dänemark von einer hohen Abhängigkeit von Kohle zu Windkraft und Solar gewechselt. Insgesamt sei die Klimapolitik des Landes ausreichend, um das 2-Grad-Ziel des Pariser Abkommens einzuhalten.



Forschende nach dem Weltklimagipfel: Das 1,5-Grad-Ziel scheint verloren

(16.11.21, taz.de) , Original : hier

Nach der Klimakonferenz in Glasgow bezweifeln Forscher:innen, dass das 1,5-Grad-Ziel eingehalten werden kann. Nur wenige von ihnen haben noch Hoffnung.

GLASGOW ap | Politische Führungspersonen und Unterhändler feiern die Klimavereinbarung von Glasgow (.pdf) als einen guten Kompromiss, der die 1,5-Grad-Erwärmungsgrenze am Leben erhalten habe. Aber viele Wissenschaftler fragen sich, von welchem Planeten diese Leute reden: Sie sehen bei ihren eigenen Berechnungen eine andere und wärmere Erde.

„Im Großen und Ganzen glaube ich, ja, wir haben einen guten Plan, das 1,5-Grad-Ziel im Rahmen unserer Möglichkeiten zu behalten“, sagte die UN-Klimachefin Patricia Espinosa mit Bezug auf das globale Bestreben, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Der britische Premierminister Boris Johnson, Gastgeber der am Samstag zu Ende gegangenen UN-Klimakonferenz, pflichtete bei: Er nannte den Deal eine „klare Straßenkarte zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad“.

Aber viele Wissenschaftler sagen: Vergesst die 1,5 Grad, die Erde ist weiter auf einem Weg, bei ihrer Erwärmung die 2 Grad zu übersteigen. Klimawissenschaftler Michael Oppenheim von der Princeton University etwa verglich das 1,5-Grad-Ziel mit einem Patienten, der bereits künstlich am Leben gehalten worden sei und urteilte: „Jetzt ist es an der Zeit, ihn für tot zu erklären“.

Nur wenig Hoffnung

Einige wenige der 13 von AP interviewten Wissenschaftler sagen, dass sie gerade genug Fortschritte sähen, um das zum derzeitigen Zeitpunkt zu vermeiden – und damit Grund für Hoffnung. Aber nur für ein Bisschen. Die Optimisten weisen auf die vielen Vereinbarungen hin, die aus der Klimakonferenz erwachsen seien, so eine Abmachung zwischen den USA und China, stärker zusammen daran zu arbeiten, den Schadstoffausstoß in diesem Jahrzehnt zu verringern. Es gab auch getrennte multinationale Vereinbarungen, Methanemissionen und Kohleverstromung ins Visier nehmen.

Die 1,5-Grad-Grenze ist das rigorosere von zwei Zielen, die im historischen Pariser Klimaabkommen von 2015 festgelegt wurden. UN-Vertreter und Wissenschaftler betrachten sie als einen Schlüssel, weil sich die Auswirkungen der Erderwärmung laut einem Forschungsbericht von 2018 nach Überschreiten dieser Marke dramatisch verschlimmern würden.

Die Erde hat sich seit der vorindustriellen Zeit bereits um 1,1 Grad erwärmt, so dreht es sich hier wirklich um ein paar Zehntel eines Grades mehr. Die Vereinten Nationen kalkulieren, dass Länder ihre Emissionen bis 2030 um die Hälfte verringern müssen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Aber der Schadstoffausstoß nimmt derzeit nicht ab, sondern zu, um etwa 14 Prozent seit 2010, wie UN-Klimachefin Espinosa sagte.

Höchstens 2,3 Grad seien machbar

Der deutsche Forscher Hans-Otto Pörtner meint, dass die Klimakonferenz „Arbeit erledigt, aber nicht genügend Fortschritte gemacht hat“. Die Erwärmung werde bei Weitem 2 Grad Celsius übersteigen, warnt der Co-Vorsitzende einer Arbeitsgruppe des Weltklimarates zu den Folgen der globalen Erwärmung. „Diese Entwicklung bedroht Natur, menschliches Leben, Existenzgrundlagen, Lebensräume und auch Wohlstand.“

Anstatt der von den UN erhofften großen Veränderungen beim Abbiegen der Temperaturkurve liefen die Ergebnisse des Glasgower Gipfels nur auf kleine Feineinstellungen hinaus, sagen Wissenschaftler, die mit Computersimulationen arbeiten. Herausgekommen sei, „dass wir vielleicht 0,1 Grad Celsius von der Erwärmung wegrasiert haben […] nach bestmöglicher Schätzung mit einem Resultat von 2,3 Gad Erwärmung“, sagte beispielsweise Zeke Hausfather vom US-Forschungszentrum Breakthrough Institute.

Auch Professor Jon Sherman vom Massachusetts Institute of Technology sah nach vorläufigen Berechnungen keinen Grund zu jenem Optimismus, wie ihn politische Führungspersonen geäußert haben. „Es gibt keinen plausiblen Weg, die Erwärmung auf 1,5 oder sogar 2 (Grad) zu begrenzen, wenn man nicht aus der Kohle aussteigt […] und so rasch wie möglich zusammen mit Öl und Gas“, so der Experte.

Indien hatte am Samstag in letzter Minute eine Änderung der Vereinbarung erreicht: In der Abschlusserklärung ist von einem „Herunterfahren“ („phase down“) der Kohlenutzung die Rede statt eines „schrittweisen Ausstiegs“ („phase out“). „Verringern“ werde weniger helfen, die schädlichen Folgen des Klimawandels zu verlangsamen als „Eliminieren“, sagte der frühere Nasa-Chefwissenschaftler Waleed Abdalati.

Ein Paragraf in der Vereinbarung ruft Länder, deren Ziel einer Reduzierung von Emissionen nicht mit 1,5- oder 2-Grad-Grenzen in Einklang steht, dazu auf, bis Ende nächsten Jahres mit neuen ehrgeizigeren Zielen aufzuwarten. Das mache Hoffnung, meint der Australier Bill Hare von der Forschergruppe Climate Action Tracker, die Klimaschutzmaßnahmen und Versprechen analysiert. Aber der US-Klimabeauftragte John Kerry sagte am Wochenende, dass der Paragraf wahrscheinlich nicht für sein Land – den zweitgrößten Verursacher von Kohleschadstoffemissionen – gelte, weil das US-Ziel so stark sei.

Länder müssen Versprechen einhalten

Jonathan Overpeck, ein leitender Klimawissenschaftler an der University of Michigan, sprach von verwässerten Hoffnungen: „Wir haben einen unvollständigen Plan für langsameres Handeln erhalten“.

Aber manche Wissenschaftler sahen es weniger pessimistisch. „Ich kann zum ersten Mal einen potenziellen Weg hin zur Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius sehen“, sagte etwa Klimawissenschaftler Michael Mann von der Pennsylvania State University. „Aber es wird es erfordern, dass Länder ihre gegenwärtigen Versprechen einhalten und das, wozu sie sich verpflichtet haben, weiter nach oben schrauben.“

Johan Rockström vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung legte ein „optimistisches“ Szenario dar, das er und einige wenige andere sehen, wenn alle Länder, die Netto-Null-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts versprochen haben, das Ziel auch wirklich erreichen würden – wozu die meisten bislang keine konkreten Schritte eingeleitet haben. In diesem Fall könnte die Erwärmung auf 1,8 oder 1,9 Grad begrenzt werden. „Das ist ein bedeutender Fortschritt, aber weit entfernt von genug“, sagte Rockström.


Klimawandel Forschung: Pariser Klimaziel schon jetzt nicht mehr erreichbar? (! 2019 !)

(19.09.19, tagesspiegel. de ) , Original : hier

Nach Prognosen liegt das im Pariser Abkommen festgelegte Ziel eines Temperaturanstiegs von 1,5 Grad bereits außer Reichweite. EurActiv Frankreich berichtet. Aline Robert

Die jüngsten Klimaprognosen mehrerer französischer Wissenschaftsinstitutionen zeigen eine beunruhigende Entwicklung: Aktuelle Prognosen hinsichtlich der globalen Erwärmung sind offenbar zu optimistisch. Nach Modellen des Pierre-Simon Laplace Institute (IPSL) und des französischen Nationalen Meteorologischen Forschungszentrums könnte sich unser Planet im schlimmsten Fall bis 2100 um durchschnittlich sechs oder sogar sieben Grad erwärmen.

Doch auch in optimistischeren Szenarien ist die Situation alarmierend: Wenn auf dem Planeten bis 2060 Klimaneutralität erreicht werden sollte – was bei weitem nicht sicher ist – würde die globale Erwärmung 1,9 Grad erreichen. Im Pariser Klimaabkommen wird ein Ziel von (bestenfalls) weniger als 1,5 Grad angestrebt. In einem mittleren Szenario, bei dem der Planet bis 2080 klimaneutral wäre, würde der Temperaturanstieg schon 2,6 Grad betragen.

„Keines unserer aktuellen Modelle lässt uns den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen; aber andere Modelle sagen dies immer noch voraus,“ kommentiert Olivier Boucher, Leiter des Klimamodellierungszentrums am CNRS, dem französischen Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung.

Fachwelt glaubt nicht an „Business as usual“

Tatsächlich scheint das 1,5-Grad-Ziel in der Fachwelt als immer „unerreichbarer“ angesehen zu werden. Auf der anderen Seite vermeiden es viele Klimaforschende indes zunehmend, ein „Business as usual“-Szenario überhaupt noch zu erwähnen, da ein solches Modell im Prinzip nicht mehr existiert. Schließlich gibt es inzwischen zahlreiche neue klimapolitische Ansätze. Über deren Wirksamkeit mag debattiert werden; ein simples „Weiter so“ scheint aber nicht mehr denkbar.

Die Frage ist: Sind die neuen Prognosen zuverlässiger als die vorherigen? Die französischen Wissenschaftler sind sich dessen sicher: Ihre Daten stammten aus einer Mischung mehrerer Modelle, was bedeute, dass die Anzahl der Variablen sehr hoch ist. Insgesamt seien die Prognosen das Ergebnis von 500 Millionen Stunden Berechnungen und 3.000 Terabyte an Daten. In die Prognosen einbezogen wurden dabei auch Wechselwirkungen zwischen Meeren und Landmassen, Atmosphäre, Niederschlag, menschengemachte und nicht-menschliche Emissionen, Eiszyklen, Aerosole und zahlreiche weitere Faktoren.

Der Faktor Mensch

„Wir versuchen, die Ergebnisse immer komplexer zu gestalten, um immer realistischere Ergebnisse zu erzielen“, erklärt David Salas y Melio, Klimaforscher bei Meteo France. Der Klimatologe betont auch, dass mit den Modellen versucht wird, anthropogene Einflüsse in Klimadaten zu übersetzen.

Emissionen aus Treibhausgasen, Aerosolen und Luftpartikeln sowie Änderungen der Landnutzung haben Auswirkungen und müssen daher gemäß den sozioökonomischen Prognosen in die Berechnungen einbezogen werden, erläutert er.

[Bearbeitet von Sam Morgan und Tim Steins. Übersetzung: Tim Steins. Erschienen bei EurActiv. Der Tagesspiegel und das europapolitische Onlinemagzin EurActiv kooperieren miteinander.]

Seiner Einschätzung nach sind die Aussichten eindeutig: „Wir werden in Frankreich immer mehr Hitzewellen haben, bis zu dem Punkt, dass diese 2060 absolute Normalität sein werden. Bei den Niederschlägen gibt es insgesamt einen deutlichen Rückgang im Mittelmeerraum, mit einem gleichzeitigen Anstieg der Fälle von heftigem Starkregen,“ so der Klimatologe von Meteo France.

Nach Ansicht der Paläoklimatologin Pascale Braconnot ist es vor allem die Geschwindigkeit des aktuellen Klimawandels, die die Folgen schwer fassbar und vorhersagbar macht.

Sie erklärt, das letzte Mal, als eine derart hohe CO2-Konzentration in der Atmosphäre festzustellen war (aktuell 400 ppm), war während des Pliozäns vor 400 Millionen Jahren. Damals habe sich die Temperatur aber nur um rund drei Grad erhöht – und über mehrere tausend Jahre hinweg. „Wir haben dies noch nie in so einer Geschwindigkeit beobachtet, und jetzt verlieren wir den Überblick.“

„Es ist relativ sicher, dass wir bald jedes Jahr 46 Grad erreichen werden,“ fügt Braconnot mit Blick auf den diesjährigen Hitzerekord Ende Juni hinzu.

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht warnt Meteo France für Frankreich darüber hinaus vor längeren Dürreperioden, geringeren Niederschlägen, die bestimmte landwirtschaftliche Praktiken unmöglich machen könnten, einer Zunahme der Waldbrände und heftigeren Niederschlägen.


CO2-Challenge , zdf, planb ; Hinweis auf Dokumentation

Original : hier


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Visualisierung der Klimaerwärmung pro Land (NGO Berkley Earth

(29.10.21, heise.de, berkleyearth.org ) , Hinweis beise heise : hier ; Original Berkleyearth : hier

NGO Berkeley Earth ein Onlinewerkzeug veröffentlicht, das einfach visualisiert, wie stark sich das Klima in jedem Land der Welt nach aktuellem Stand bis 2100 erwärmen wird. Die Werte liegen teilweise deutlich über den Prognosen für das weltweite Klima. Unter anderem, weil für Landmassen insgesamt eine stärkere Erwärmung als im globalen Durchschnitt erwartet wird, wie das verantwortliche Team erläutert. In Deutschland hat sich das Klima demnach gegenüber der vorindustriellen Ära bereits um 2,3 Grad Celsius erwärmt, bis 2100 seien 4,6 Grad Erwärmung zu erwarten. In Russland und Kanada beispielsweise sind es demnach sogar deutlich über 5 Grad.


Für Germany :



Veranschaulichung des CO2 – Kreislaufes : hier

https://www.youtube.com/watch?v=dwVsD9CiokY

The only way to reduce temperatures is to reduce carbon.

The burning of fossil fuels – oil, coal, and natural gas – is the primary source of man-made atmospheric carbon dioxide. Since the start of the industrial revolution, humans have contributed more than 2,000 billion metric tons of carbon dioxide to the atmosphere.

After it is released into the atmosphere, the carbon dioxide is naturally redistributed between the atmosphere, the oceans, and the biosphere.  However, none of the emitted carbon will return to the Earth by natural processes for many tens of thousands of years.  As a result, the carbon that humans release by burning fossil fuels will lead to increased levels of carbon in the atmosphere, ocean, and biosphere for many thousands of years.

If carbon dioxide is allowed to continue to accumulate in the atmosphere, it will be impossible for the world to stay below 2.0°C, let alone 1.5°C. The easiest way to avoid future warming is to rapidly decrease our use of fossil fuels, replacing them with low carbon alternatives such as wind, solar, hydro, and nuclear wherever possible.

A recent study found that 60% of remaining oil and methane (natural gas), and 90% of coal must stay in the ground if the world is to meet 1.5°C warming targets. For this to happen, oil and gas production would need to decline 3% annually through 2050. 

The 2015 Paris Climate Agreement mandated that signatories set ambitious targets for their “nationally determined contributions” to reduce carbon emissions.  Existing climate pledges, however, fall far short of the decarbonization necessary to meet warming targets: the NDC synthesis report published by UN Climate Change in February of 2021 found that national pledges would only reduce global emissions 12% by 2030, far short of the 45% required to meet 1.5°C, or 25% required to meet 2.0°C warming targets. 



Grafik: Warming in Germany.
Die Grafik für Deutschland (Bild: Berkeley Earth)

Ergänzt werden die länderspezifischen Prognosen um historische Durchschnittstemperaturdaten, die bis zum Jahr 1850 zurückgehen. Hinzu kommen Vorhersagen für die Temperaturentwicklung in Szenarien weiter wachsender CO2-Emissionen, stabilisierter sowie langsam fallender Ausstöße und schnell fallender Emissionen. In Deutschland wäre demnach schlimmstenfalls eine Erwärmung um bis zu fast 7 Grad Celsius möglich, bestenfalls dagegen um 3 Grad. In Russland könnte demnach sogar eine durchschnittliche Klimaerwärmung von über 8 Grad Celsius erreicht werden. “Unsicherheit ist nicht unser Freund, vor allem wenn es um die echte Gefahr, katastrophaler Folgen geht”, erläutert der Klimawissenschaftler Zeke Hausfather den Zweck des Werkzeugs. Es zeige, dass es mit aktuellen Vorhaben schwierig sei, eine durchschnittliche Erwärmung um mehr als 4 Grad auszuschließen.

Hausfather weist zur Veröffentlichung des Werkzeugs nun aber auch darauf hin, dass einige der schlimmsten Szenarien wohl verhindert werden dürften. Es müsse aber noch viel unternommen werden. Damit schließt er sich einer Einschätzung der New York Times an, die unter Rückgriff auf Daten des Climate Action Trackers ermittelt hatte, dass seit dem Pariser Klimaschutzabkommen messbare Fortschritte erzielt wurden. So sei die Welt davor auf dem Weg zu einer durchschnittlichen globalen Erwärmung des Klimas um 3,6 bis 4,2 Grad Celsius (bis 2100) gewesen. Aktuell würde eine Erwärmung um 2,7 bis 3,1 Grad prognostiziert. Sollten abgegebene staatliche Versprechen umgesetzt werden, wären sogar 2,1 bis 2,4 Grad Erwärmung möglich. Auch das liegt aber noch deutlich über dem in der Wissenschaft formulierten maximal akzeptablen globalen Wert von 1,5 Grad Erwärmung.

Lesen Sie auch KI analysiert 100.000 Studien: Klimawandel trifft schon 85 Prozent der Menschen

Umweltamt liefert explosive Streichvorlage

(29.10.21, ntv.de) , Original : hier

Das Umweltbundesamt präsentiert eine für die Ampel-Parteien verführerische Streichliste: Umweltschädliche Subventionen von 65 Milliarden Euro könnten das Geld für den Umbau der Wirtschaft zur Klimaneutralität liefern. Pendler, Flugreisende oder Landwirte würden ihre Steuerprivilegien einbüßen.

Die Abschaffung umweltschädlicher Subventionen in Deutschland könnte finanzielle Spielräume in Milliardenhöhe für mehr Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit erschließen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das Umweltbundesamt (UBA) in Berlin vorstellte. “Wir müssen alle Bremsklötze entfernen, die diese Transformation behindern”, verlangte UBA-Präsident Dirk Messner.

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Der Studie zufolge gab es in Deutschland 2018 umweltschädliche Subventionen im Gesamtvolumen von mindestens 65,4 Milliarden Euro. Davon entfielen demnach 47 Prozent auf den Verkehrsbereich, 39 Prozent auf den Energiesektor, 9 Prozent auf die Land- und Forstwirtschaft sowie rund 5 Prozent auf Bauen und Wohnen. Das tatsächliche Volumen sei mutmaßlich noch höher, da sich die Auswertung auf die Bundesebene konzentriert habe.

Messner sprach von einem starken Widerspruch: Einerseits seien Fördermaßnahmen für den Klimaschutz in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut worden, zugleich halte die Politik aber an Subventionen fest, die alte Strukturen unterstützten. Statt diese abzubauen, hätten umweltschädliche Subventionen seit 2012 sogar noch zugenommen. “Es ist paradox, wenn der Staat mit vielen Milliarden den Klimaschutz fördert und gleichzeitig klimaschädliche Produktions- und Verhaltensweisen subventioniert”, sagte Messner. “Das passt nicht zusammen.” Als Beispiel nannte er “das unsinnige Nebeneinander von Dieselprivileg für Verbrenner und Kaufprämien für Elektroautos”.

Auf dem Prüfstand: Dieselprivileg, Dienstwagen, Pendlerpauschale

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Mit Blick auf die erwartete Ampel-Koalition könne durch ein Umsteuern zugleich dem Problem begegnet werden, dass es auf der einen Seite einen hohen Investitionsbedarf beim Klimaschutz gebe, andererseits aber höhere Steuern oder zusätzliche Schulden vermieden werden sollten, argumentierte Messner weiter. Er sprach mit Blick auf den anstehenden Regierungswechsel von einem “Gelegenheitsfenster”.

Konkret pochen die UBA-Experten auf ein Ende der Steuerprivilegien für Dieselkraftstoff und einen Abbau der Steuerbegünstigung für privat genutzte Dienstwagen sowie der Entfernungspauschale für Pendler. All dies sei nicht nur klimaschädlich, sondern auch unsozial, da Bezieher hoher Einkommen überproportional davon profitierten.

Entfallen soll laut UBA auch die Steuerermäßigung für Agrardiesel. Zudem sprach sich die Behörde dafür aus, Lebensmittel aus tierischen Produkten wie Fleisch höher zu besteuern, pflanzliche Produkte dagegen niedriger. Im Bausektor solle die bestehende Förderung durch strengere Umweltkriterien ökologischer ausgerichtet werden. Zusätzliche Einsparmöglichkeiten bestehen der UBA-Studie zufolge auf europäischer Ebene bei den auf zwölf Milliarden Euro geschätzten Steuervergünstigungen für Kerosin und für die Mehrwertsteuerbefreiung für internationale Flüge.

“Staat soll Einnahmen in Klimaschutz investieren”

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Messner betonte, es gehe nicht um eine Erhöhung staatlicher Einnahmen. Vielmehr sollte das gesparte Geld an anderer Stelle zurückgegeben oder Förderung klimafreundlicher und sozial gerechter ausgerichtet werden. Ziel sei nicht, “Geld zu scheffeln für den Bund”, stellte auch der Leitautor der Studie, Andreas Burger, klar.

Unterstützung für die UBA-Forderungen signalisierte die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch sprach von einem “Lackmustest für die Glaubwürdigkeit der Ampel-Koalition beim Klimaschutz”. Die Allianz pro Schiene forderte, mit dem eingesparten Geld unter anderem umweltfreundliche Verkehrsträger wir die Bahn zu stärken. Greenpeace-Vorstand Martin Kaiser erklärte, der UBA-Bericht mache klar, “dass genug Geld da ist – wenn man es besser einsetzt”.


Tip von Ingo

Weltklimakonferenz 2021: Welche vier Ziele COP26 erreichen muss

(29.10.21, spektrum.de ) , Original : hier

Die Konferenz in Glasgow gilt als »letzte Chance«, die Klimaziele von Paris zu erreichen. Dafür müssen dort vier große Probleme gelöst werden. Eines davon: Gerechtigkeit.von Christopher Schrader

Klimakonferenz 2021

Der Klimazug verlässt Amsterdam am Samstag, dem 30. Oktober um 8.47 Uhr. Er nimmt in Rotterdam und Brüssel noch Fahrgäste auf, ist mittags in London und rollt abends um sechs in Glasgow ein – falls im britischen Bahnnetz alles gut geht. Wer den ausgebuchten Sonderzug nimmt, der vor allem für (junge) Aktivistinnen und Wissenschaftler gedacht war, dürfte daher rechtzeitig zur Klimakonferenz COP26 in der schottischen Großstadt sein, die am Sonntag eröffnet wird.

Was dort in den ersten beiden Novemberwochen passiert, darauf blickt – das ist keine Übertreibung – die ganze Welt. »Sie gilt als die wichtigste Konferenz seit Paris 2015«, sagt Rixa Schwarz, die bei der Organisation Germanwatch die internationale Klimapolitik verfolgt. Ob die Staaten ausreichende Zusagen machen, um die Erderhitzung zu begrenzen, und weitere Schritte vereinbaren, hängt von den Verhandlungen in Schottland ab. Auch der Weltklimarat IPCC hatte im Sommer geurteilt: »Wenn es keine sofortigen, schnellen und umfassenden Reduktionen der Treibhausgas-Emissionen gibt, ist das Begrenzen der Erwärmung auf wenig mehr als 1,5 oder sogar 2,0 Grad nicht mehr möglich.« Diese Zahlen beziehen sich auf die Temperaturzunahme im Jahr 2100 gegenüber der vorindustriellen Zeit; 1,1 Grad sind laut dem jüngsten IPCC-Bericht bereits erreicht.

Vor allem das so genannte 1,5-Grad-Ziel in Reichweite zu halten, ist das vermutlich wichtigste Vorhaben der britischen Gastgeber und der meisten Teilnehmenden. Es hat eine bemerkenswerte Karriere gemacht: Ging es beim gescheiterten Gipfel von Kopenhagen 2009 noch um eine Grenze bei 2,0 Grad und verlangte das Pariser Abkommen »deutlicher unter 2,0 Grad« mit einer Option zu 1,5 Grad, so ist diese Temperaturgrenze mittlerweile praktisch unwidersprochen das zentrale und einzige Ziel. Das auch, weil sich inzwischen die Erkenntnisse mehren, dass es schon danach zahlreiche gefährliche, unbeherrschbare Klimafolgen geben dürfte. Doch ob es überhaupt noch möglich ist, die Grenze einzuhalten, erscheint vielen vor allem angesichts der schleppenden Reaktion der Gesellschaft zweifelhaft. Vom 31. Oktober bis zum 12. November 2021 findet in Glasgow das 26. Treffen der Mitgliedsstaaten der Klimarahmenkonvention von Rio (Conference of the Parties, COP) statt. Verfolgen Sie unsere aktuelle Berichterstattung im Liveblog und lesen Sie mehr rund um Klimawandel und Klimaschutz auf unserer Themenseite.

Wie so oft bei diesen Conferences of the Parties, also den Treffen der Mitgliedsstaaten der Klimarahmenkonvention von Rio, kursieren schon in den Wochen vor Beginn viele wichtige Berichte, stellen Organisationen ihre Forderungen und verkünden Staaten ihre Positionen. Während der Konferenz werden dann Beschlüsse oder Fortschritte in vier wichtigen Bereichen erwartet.

Die Ausgangslage

In den Tagen vor der Konferenz haben gleich zwei UN-Organisationen erklärt, anhand der vorliegenden Zusagen der Nationalstaaten werde die Welt die im Pariser Abkommen vereinbarten Ziele verfehlen. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, UNEP, stellt in seinem jährlichen »Emissions Gap Report« fest: Zurzeit steuert die Welt auf eine Erwärmung von 2,7 Grad zu. Falls die Staaten die gegebenen Zusagen für 2050 einhalten, nämlich gemäß einer Bilanzrechnung von Quellen und Senken keine Klimagase mehr auszustoßen – »Netto-Null«–, könnte es bei einer Erhitzung um 2,2 Grad bleiben.

Keeling Curve des CO2 am Gipfel des Mauna Loa.
© National Oceanic & Atmospheric Administration (Ausschnitt) Treibhausgasmessungen am Gipfel des Mauna Loa | Die prominenteste Datenreihe atmosphärischer Kohlendioxidkonzentrationen zeigt: Beim Treibhausgas kommt das Auf und Ab der internationalen Klimapolitik bisher nicht an.

Ähnlich urteilte das internationale Klimasekretariat in Bonn, bei dem die Staaten ihre – laut Pariser Abkommen freiwilligen – Klimaschutzpläne einreichen. Gemäß der jüngsten Auswertung könnte die Politik der 143 Nationen, die ihre Ziele kürzlich aktualisiert und meist verschärft haben, dazu führen, dass ihre Emissionen bis 2030 ungefähr elf Prozent unter den reduzierten Ausstoß im Pandemiejahr 2020 sinken. Nimmt man jedoch alle 192 Staaten, dann kommen etwa 14 Prozent mehr Treibhausgase in die Atmosphäre als zuletzt.

»Diese COP ist die letzte Chance, das 1,5-Grad-Ziel in Reichweite zu halten«, sagt Niklas Höhne vom NewClimate Institute in Köln. »Mit allen Beiträgen, die die Länder bisher vorgeschlagen haben, stabilisieren sich die globalen Treibhausgas-Emissionen ungefähr bis zum Jahr 2030. Für 1,5 Grad müssten sie aber halbiert werden. Das ist eine enorme Lücke.«

Weitere aktuelle Befunde:

Unmittelbar vor der COP tagen in Rom noch die Regierungschefinnen und -chefs der größten Industriestaaten. Auf dem Treffen der so genannten G20 werden weitere Zusagen und Festlegungen erwartet, die dann – so ist das von Großbritannien und Italien gemeinsam geplant worden – auf einem World Leaders Summit, also einem Gipfeltreffen am Anfang der Konferenz, den Verhandlungen in Glasgow den richtigen Schwung geben.

Erstes Ziel: Mehr Klimaschutz

Vor der COP26 hat es eine Welle von Zusagen von Staaten gegeben, die sich dem Netto-Null-Ziel in der Mitte des 21. Jahrhunderts verpflichten wollen. Die EU möchte das 2050 erreichen, Deutschland hat sein Zieljahr nach dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts auf 2045 vorgezogen. Nach den USA hat auch Australien nun verkündet, 2050 in Summe keine Treibhausgase mehr ausstoßen zu wollen. https://datawrapper.dwcdn.net/AGLW9/3/

China spricht hingegen bisher vom Jahr 2060 wie seit Kurzem auch Saudi-Arabien. Die Türkei verkündet, nun als letzter G-20-Staat das Pariser Abkommen zu ratifizieren und ab 2053 seine Emissionen zu stoppen. Ein Plan von Indien fehlt und könnte in Rom oder Glasgow verkündet werden. Erwartungen, dass China dort oder schon vorher noch einmal nachlegt und ehrgeizigere Ziele vorlegt, wurden am Donnerstag aber enttäuscht: Die Supermacht hat die Angaben nur formalisiert und etwas präzisiert.

»Netto-Null ist das neue Normal«, freut sich darum Karsten Sach vom Bundesumweltministerium, der deutsche Chefverhandler bei den COP-Treffen. »80 Prozent der Länder bekennen sich dazu, und der Druck auf die übrigen wächst.« In Glasgow 100 Prozent zu erreichen, werde aber trotzdem nicht möglich sein.

Ohnehin sehen Klimaexpertinnen die eigentliche Herausforderung woanders. »Ein Ziel ohne einen Plan ist bloß ein Wunsch«, sagt Astrid Kiendler-Scharr vom Forschungszentrum Jülich, die Vorsitzende des Deutschen Klimakonsortiums. Um 2050 die Emissionen zu stoppen, müssten die Staaten umgehend konkrete Schritte einleiten. Niklas Höhne, dessen Institut an den Auswertungen des »Climate Action Trackers« auf Länderebene beteiligt ist, bestätigt: »Kein einziges dieser Länder hat Maßnahmen umgesetzt, um sich tatsächlich auf den Pfad Richtung Netto-Null zu begeben, kein einziges.« Die Lücke sei darum so groß, »dass sich die Frage gar nicht stellt, wer gut genug ist: Niemand ist gut genug.«

»Diese COP ist die letzte Chance, das 1,5-Grad-Ziel in Reichweite zu halten«(Niklas Höhne)

Immerhin gibt es Abstufungen: So will Saudi-Arabien nur innerhalb des Landes auf Netto-Null, aber weiter Öl produzieren – die Emissionen gehen dann nach den Vorstellungen der Regierung auf das Konto der Abnehmer. Australien möchte bis zum bitteren Ende Kohle verkaufen und 2030 auch nur um 26 bis 28 Prozent mit seinen Emissionen runter. Mexiko und Brasilien haben internationale Partner mit Rechentricks verärgert, die ihnen höhere Emissionen ermöglichen, ohne auf dem Papier ihre Ziele aufzuweichen. Einer Auswertung des Climate Action Trackers zufolge ist bisher nur der Plan von Gambia komplett mit dem 1,5-Grad-Ziel kompatibel, vier weitere afrikanische Staaten sowie Nepal, Costa Rica und als einziges Industrieland Großbritannien sind immerhin nahe dran. Dort ist der Kohleausstieg praktisch auch schon vollzogen.

Zweites Ziel: Fortschritte bei Einzelthemen

USA und EU schlagen für die COP ein Abkommen zum Thema Methan vor. Es ist ein Treibhausgas, das wesentlich schneller wieder aus der Atmosphäre verschwindet als CO2, aber Molekül für Molekül viel stärker wirkt. Insgesamt ist es darum der zweitgrößte Faktor der Erderhitzung. Methan ist der Hauptbestandteil von Erdgas und wird außerdem in Kohlegruben, Müllkippen und der Landwirtschaft frei, vor allem bei Tierhaltung und Reisanbau.

Das Abkommen, das inzwischen 34 Staaten unterstützen, sieht vor, den Ausstoß des Gases bis 2030 um 30 Prozent zu senken. Der US-amerikanische Sonderbeauftragte für Klimapolitik, Ex-Außenminister John Kerry, hofft laut Zeitungsberichten, mehr als 100 Zusagen zu bekommen. Allerdings lehnen vier der größten Emittenten die Vereinbarung bisher ab: China, Brasilien, Indien und Russland.

Weiteren Fortschritt versprechen sich die britischen Gastgeber in vier Sektoren, die Premier Boris Johnson als »coal, cars, cash, and trees« zusammenfasst: Kohle, Autos, Geld und Bäume. So gehören inzwischen 41 Nationen sowie viele Regionen, Provinzen und Firmen einer Allianz namens »Powering Past Coal« an; in Glasgow sollen neue Zusagen verkündet werden. Staaten sollen die Kohle im eigenen Land nicht mehr einsetzen und Projekte in anderen nicht mehr fördern. Ein Konferenztag ist dort auch dem Transportsektor gewidmet, hier erhoffen sich die Briten Fortschritte bei emissionsfreien Autos. https://datawrapper.dwcdn.net/FXlQ9/2/

Außerdem haben die Gastgeber eine Initiative gestartet, um die Abholzung von Wäldern zu stoppen und Flächen wieder aufzuforsten. Im ersten Schritt soll es für den Anbau von Kaffee, Kakao, Soja und Palmöl keine Genehmigungen für Rodungen mehr geben.

»Das war bisher eine vergessene Frage: Wie stellen wir Ökosysteme wieder her, die Kohlendioxid binden?«, sagt Isabel Cavalier von der kolumbianischen Organisation Transforma. »Ohne solche Veränderung in der Landnutzung ist das 1,5-Grad-Ziel unabhängig von der Entwicklung der Emissionen nicht zu erreichen. Das muss jetzt eine Rolle spielen.«

Drittes Ziel: Genug Geld für ärmere Staaten

Der fehlende der vier Begriffe in Johnsons Mantra ist cash: Geld. Schon bei der Konferenz in Kopenhagen 2009 hatten die Industrieländer versprochen, ab 2020 und dann jedes Jahr 100 Milliarden US-Dollar bereitzustellen, damit Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Anpassung finanziert werden können. Zurzeit gilt die Zusage bis 2025, danach soll die Summe erhöht werden. Das Versprechen haben die reichen Nationen für das Startjahr aber vermutlich gebrochen, wie der designierte Präsident der COP26, Alok Sharma, einräumt.

Das hat viel Kritik ausgelöst. So sagte der Leiter des Zentrums für Klimawandel und Entwicklung in Dhaka in Bangladesch, Saleemul Huq, bei einem Interview im September: »Wenn sie in Glasgow nicht die 100 Milliarden für 2021 bereitstellen, können sie ihre Zusagen offenbar nicht halten.« Das hätte, so sahen es auch andere Experten und Expertinnen, einen Rückfall in starre Lager bedeutet.

Darum hat Sharma den deutschen Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth mit dem kanadischen Umweltminister zusammengespannt, um die Finanzierung zu retten. Die Ergebnisse wurden am vergangenen Montag verkündet: Demnach schaffen die Industrieländer die symbolische Summe von 100 Milliarden Dollar wohl erst 2023, stellen jedoch für die Jahre 2021 bis 2025 im Durchschnitt genügend Geld pro Jahr zur Verfügung. Der Fehlbetrag 2020 von womöglich 15 Milliarden würde aber dann vermutlich nicht ausgeglichen.

»Es war nicht das, was wir versprochen haben«, räumt auch Flasbarth ein. »Zusagen zu erfüllen, ist die wichtigste Währung in den Verhandlungen, aber dieses Ergebnis sollte uns zumindest in eine gute Stimmung bringen.« Das Geld bereitzustellen, habe nichts mit Großzügigkeit zu tun: »Es ist ein essentieller Teil der Klimapolitik, ein Zeichen der Fairness und der historischen Verantwortung.«

Allerdings stimmt die Verteilung offenbar auch nicht. Alok Sharma selbst sagt, es müsste mehr nicht zurückzahlbare Zuschüsse geben: 2019 machten sie nur 30 Prozent aus, der Rest waren Kreditangebote. Und Saleemul Huq rügte, dass nicht wie erwartet die Hälfte des Geldes für Anpassungsmaßnahmen an die verletzlichsten, schwächsten Staaten gegangen sei: Es waren zuletzt nur 20 Prozent, während 80 Prozent in stärkere Staaten und in Projekte zur Emissionsreduktion floss.

Außerdem müsse sich der Gipfel in Glasgow, forderte der Experte aus Bangladesch, endlich mit der dritten Säule neben Klimaschutz und Adapation befassen: Sie wird allgemein »Loss and Damage« genannt, es geht also um Geld für das Wiederherstellen von beschädigter oder verlorener Infrastruktur und Wirtschaftsgütern. Dafür gebe es einen hohen zusätzlichen Finanzbedarf, sagt auch Sven Harmeling von der Organisation Care International. »Wir dürfen das nicht weiter als Unterthema von Anpassung darstellen und damit klein halten.«

Ohnehin ist längst klar geworden, dass der Kampf gegen die Klimakrise die kostengünstigere Option ist, wenn man es mit Abwarten vergleicht. Das hatte schon 2006 der Report von Lord Nicholas Stern vom Grantham Institute in London festgestellt. Eine am Dienstag erschienene Aktualisierung bekräftigt die Schlussfolgerung: »Jede sinnvolle Schätzung der Kosten des Nichthandelns wäre heute höher, und die Kosten des Handelns sind niedriger als 2006.«

Viertes Ziel: Regelwerk zum Pariser Abkommen komplettieren

Seit Jahren arbeiten die Länder bei den COPs daran, sich gemeinsame Regeln für die Buchhaltung der Treibhausgase und andere Klauseln des Pariser Abkommens zu geben. Vieles davon wurde 2018 verabschiedet. Offen bleiben zum Beispiel gemeinsame Basisjahre und Zeithorizonte, die Zahlen vergleichbar machen. Außerdem fordern zahlreiche Beteiligte voneinander vollkommene Transparenz über den Ausstoß und die Effekte der jeweiligen Politik. »Dagegen gibt es natürlich auch politische Widerstände«, sagt Rixa Schwarz von Germanwatch. »Manche wollen sich nicht so sehr in die Karten schauen lassen.« Andere Staaten fürchten, dass sie nicht die Kapazitäten haben, die Angaben für das Ausfüllen womöglich kleinteiliger Formulare zu erheben.

Eine besondere Rolle spielt der Artikel 6 des Pariser Abkommens. Er sieht vor, dass Staaten kooperieren dürfen, um Emissionen zu reduzieren. Dann könnte zum Beispiel ein Land in den Tropen seinen Wald mit Finanzierung durch eine Industrienation aufforsten, die sich schließlich das gebundene CO2 auf ihre Ziele anrechnet. Der Artikel warnt aber bereits vor Missbrauch – etwa, dass beide Länder den Effekt in ihre Bilanz aufnehmen.

Kohlendioxidausstoß in Deutschland
© Stefan Rahmstorf / CO2-Emissionen in Deutschland / CC BY-SA 4.0 CC BY-SA (Ausschnitt) Kohlendioxidausstoß in Deutschland | Grün: Emissionen bis 2018 nach Zahlen des Umweltbundesamtes (für 2018 habe ich denselben Wert wie 2017 veranschlagt, da die Zahl noch nicht veröffentlicht ist). Blau: exemplarische lineare Emissionsminderung, die einem fairen Beitrag Deutschlands zu den Paris-Zielen entsprechen könnte.

Diese Kompensation anderswo möchten manche Staaten zu einem internationalen Marktplatz ausbauen; womöglich sollen dort auch Zertifikate gehandelt werden, die durch einen ähnlichen Mechanismus des Kyoto-Protokolls von 1997 entstanden sind. Beides versuchen vor allem Klimaschutzorganisationen zu verhindern. Die alten Zertifikate sind oft unter zweifelhaften Regeln erteilt worden; und selbst wenn sie einen hohen Standard haben, liegt die Emissionseinsparung bereits weit in der Vergangenheit.

»Zertifikatehandel soll nur ermöglichen, was zu Hause nicht zu schaffen ist,« erklärt Rixa Schwarz die Position von Germanwatch. »Ein Senken der Emissionen findet vorrangig im eigenen Land statt, das ergibt in Summe mehr Klimaschutz.« Greenpeace würde es sogar ausdrücklich als Erfolg der Verhandlungen in Glasgow werten, wenn ein solcher internationaler Handelsmechanismus abgewendet wird, sagt die zuständige Campaignerin Lisa Göldner. Die Verhandlungen zu Artikel 6 könnten daher die vielleicht größte Herausforderung werden, schätzt Staatssekretär Flasbarth.

Die Regeln spielen zudem eine Rolle dabei, wie sich die Emissionen von Luftverkehr und Schifffahrt entwickeln. Sie unterliegen nicht den nationalen Plänen. Die Flugindustrie zum Beispiel hat einen Mechanismus namens Corsia eingeführt, um das erwartete Wachstum der Emissionen mit Zertifikaten zu kompensieren  – zunächst auf freiwilliger Basis. Ob das überhaupt einen Effekt hat, könnte sich daher auch in Glasgow entscheiden.

Grundsätzlich halten es aber viele Expertinnen und Experten für sehr wichtig, dass die Regeln endlich verabschiedet werden – schon um zu zeigen, dass die Weltgemeinschaft im Rahmen des Pariser Abkommens auch Beschlüsse fassen kann.

Was würde die Konferenz zum Erfolg machen?

Neben den Einzelthemen wird vermutlich besonders zählen, ob die Konferenz als Ende der ersten Phase nach Paris gesehen wird oder als Anfang eines Jahrzehnts der rapiden Treibhausgas-Einsparung. »Wenn die COP es nicht schafft, eine Perspektive aufzuzeigen, wie in der nächsten Dekade Ambition erhöht wird, sowohl bei der Emissionsvermeidung als auch bei der Bereitstellung von Finanzierungsmitteln, dann wird es eine vertane Chance sein«, sagt Carl-Friedrich Schleusner von der Humboldt-Universität und der Forschungsgruppe Climate Analytics in Berlin. Wichtig für einen Erfolg wäre auch, ergänzt Lisa Göldner von Greenpeace, die nächste Überprüfung der nationalen Klimaziele auf 2023 vorzuziehen, anstatt wieder fünf Jahre zu warten. Und zu verankern, dass der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen jetzt schnell in Angriff genommen werden soll.

Vieles davon steht jedoch auf einer Wunschliste, auf der etliche Punkte unerfüllt bleiben könnten. »Wir werden große Fortschritte machen«, sagt der britische Sonderbeauftragte für Klimawandel Nick Bridge, »aber wir können nicht alles lösen.« Vielleicht ist es ja auch schon ein Zeichen, dass der Klimazug seine internationalen Passagiere nicht von Glasgow zurück nach Amsterdam bringt. Um die Rückreise muss sich jede und jeder selbst kümmern. Ein Partywagen ist erst recht nicht vorgesehen.


Tip von Ingo