Warum die Klimakrise so deprimierend ist

Alle reden über Corona, doch die Klimakatastrophe ist eine weit größere Bedrohung. Schon die Veränderungen im eigenen Garten sind gravierend. Eine Analyse von Friedhelm Greis

veröffentlicht am 28. August 2020, 12:05 Uhr, bei golem.de

Wie würden die Schlagzeilen des Jahres 2020 aussehen, wenn es keine Coronapandemie gäbe? Erinnert sich noch jemand an die verheerenden Buschbrände in Australien? Die Rekordtemperaturen in Sibirien, verbunden mit Waldbränden? Derzeit brennen die Wälder wieder in Kalifornien in nie dagewesenem Umfang. Der dritte Dürresommer in Folge in vielen Regionen Deutschlands hat aber auch vielen Menschen hierzulande klar gemacht, dass nach dem Ende der Pandemie ein weit größeres Problem ungelöst wartet: die Klimakatastrophe. Ein Problem, das sich vielleicht gar nicht mehr lösen lässt. Inhalt:

  1. Wetter: Warum die Klimakrise so deprimierend ist
  2. Die Klimakrise ist zu Hause angekommen
  3. Der Klimawandel ist zu langfristig
  4. Jede Hiobsbotschaft wird zur Glaubensprobe
  5. Umweltzerstörung wird ausgeblendet
  6. Nur die junge Generation hat die Klimakrise verstanden

Anders als bei der Coronapandemie hat man das Gefühl, sowohl als Individuum als auch als Gesellschaft, der Klimakrise mehr oder weniger hilflos ausgeliefert zu sein. Woran liegt das?

Corona machte vieles möglich

Die Pandemie hat zumindest gezeigt, dass die Menschheit eine globale Gefahr erkennen und diese mehr oder weniger gemeinsam bekämpfen kann. Auch jeder einzelne konnte und kann dazu beitragen, das Infektionsrisiko für sich selbst zu reduzieren und damit auch die Verbreitung der Krankheit insgesamt einzudämmen. Weltweit werden Wissenschaft und Technik dafür eingesetzt, das Virus zu bekämpfen und die Folgen der Pandemie beherrschbar zu machen.

Wochenlang wird über eine praktisch nutzlose Kontaktverfolgungsapp mit einer Verve diskutiert, die in der Klimadebatte nur dann vorhanden ist, wenn Greta Thunberg über den Atlantik segeln will oder der WDR-Kinderchor die Oma als Umweltsau besingt. Stellenmarkt

Trotz aller Kritik herrscht in der Coronapandemie der Eindruck vor, dass die Gesellschaft der Bedrohung nicht ohnmächtig ausgeliefert ist. Die Politik erscheint handlungsfähig, wirft für unumstößlich gehaltene Prinzipien in kürzester Zeit über Bord. Warum ist das nicht bei einer Gefahr möglich, die mittel- und langfristig viel gravierender als ein Virus ist?

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Nur die junge Generation hat die Klimakrise verstanden

Selbst in autokratischen Ländern wie Iran kommt es aber nun zu Protesten, wenn an der Benzinpreisschraube gedreht wird. In demokratischen Ländern, wie bereits in Frankreich, entstehen schnell Bewegungen wie die Gelbwesten. Stellenmarkt

Dennoch ist es beschämend zu beobachten, dass vor allem Kinder und Jugendliche eine radikalere Klimapolitik einfordern. Natürlich müssen sie befürchten, viel länger und stärker von den drohenden Klimaveränderungen betroffen zu sein. Doch die ältere Generationen versagt, wenn sie die schon bestehenden Möglichkeiten zum Klimaschutz wie den Bau neuer Stromtrassen, Windräder oder Pumpspeicherkraftwerke aus fadenscheinigen Gründen ablehnt oder blockiert.

Handeln ohne direkten Effekt

Natürlich ist kein demokratisch gewählter Politiker bereit, Millionen Arbeitsplätze zu riskieren, damit sich die Erde vielleicht im 22. Jahrhundert etwas schneller abkühlt. Wenn sich die Erwärmung jedoch beschleunigt und verschiedene Klima-Kipppunkte erreicht werden, könnte das Leben auch für die älteren Generationen in Deutschland ungemütlicher werden. Was bleibt zu tun, um nicht deprimiert die Hände in den Schoß zu legen und in “ökologische Trauer” zu verfallen, wie es inzwischen die Psychologen nennen?

“Obwohl die Handlungen eines einzelnen Individuums keinen Effekt auf das Klima haben, heißt das nicht, dass sie bedeutungslos sind”, schreibt Franzen. Er schlägt vor, die Welt auf die unvermeidlichen Veränderungen vorzubereiten und krisenfester zu machen, nicht nur im Großen, auch im Kleinen. “Das Absichern fairer Wahlen ist eine Klimaaktion. Die Bekämpfung extremen Reichtums ist eine Klimaaktion. Das Abschalten der Hassmaschinen in den sozialen Medien ist eine Klimaaktion”, schreibt Franzen.

Was tun?

Wie soll der einzelne Mensch in seinen vielen Rollen als Konsument, Berufstätiger, Bürger oder Elternteil konkret damit umgehen? Nach Ansicht Franzens sollte man deutlich mehr tun als Grün zu wählen, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren oder Flüge zu vermeiden, wenn man die Klimakatastrophe als Fakt akzeptiere.

Als privater Konsument ist es vermutlich noch am einfachsten, sich “klimafreundlicher” zu verhalten und aus dem Perfektionswahn des Konsums auszusteigen. Wenn man es wirklich will. Doch beruflich bleibt vielen Menschen noch gar keine andere Wahl, als klimaschädliche Produkte zu entwickeln, herzustellen, zu verkaufen. Oder weite Strecken mit dem Auto oder Flugzeug zurückzulegen. Selbst als Journalist stellt sich die Frage: Sind Inlands- oder Langstreckenflüge vertretbar, nur um über ein neues Elektroauto zu berichten? Und müsste nicht viel mehr über die Klimakatastrophe berichtet werden? Oder wäre das, wie dieser Artikel, nicht auf die Dauer zu deprimierend? Erneuerbare Energien und Klimaschutz: Hintergründe – Techniken und Planung – Ökonomie und Ökologie – Energiewende (Deutsch)

Das Ende im Garten

In seinem Roman Candide hat Voltaire den naiven Jüngling Candide im 18. Jahrhundert eine Weltreise machen lassen, um den theologischen Optimismus eines Leibniz oder Wolff zu persiflieren. Dabei geriet Candide von einer Katastrophe in die nächste, selbst das verheerende Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 und die Inquisition blieben ihm nicht erspart.

Heutzutage würde es Voltaire wohl reichen, eine junge Greta oder Luise von einem Klimadesaster zum nächsten zu schicken, von einer erfolglosen Klimakonferenz zur anderen, um sie von ihrem Glauben an “die beste aller Welten” zu heilen. Statt von der Inquisition gefoltert zu werden, müssten sie ständig Interviews geben. Sogar bei der weisen Regentin Angela müssten sie antichambrieren.

Voltaires Roman endet mit dem bekannten Zitat: “Allein es gilt, seinen Garten zu bestellen.” 250 Jahre später müsste es wohl heißen: “Allein es gilt, seinen Garten zu bewässern.”


Vollständiger Bericht bei golem.de : https://www.golem.de/news/wetter-warum-die-klimakrise-so-deprimierend-ist-2008-150470.html

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