{"id":5819,"date":"2020-08-17T09:47:12","date_gmt":"2020-08-17T07:47:12","guid":{"rendered":"https:\/\/boklima.de\/?p=5819"},"modified":"2020-08-17T10:26:11","modified_gmt":"2020-08-17T08:26:11","slug":"auswirkungen-des-klimawandels-wir-waeren-gut-beraten-natuerliche-grenzen-zu-respektieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/boklima.de\/?p=5819","title":{"rendered":"Auswirkungen des Klimawandels : \u201eWir w\u00e4ren gut beraten, nat\u00fcrliche Grenzen zu respektieren\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>(aus dem Tagesspiegel 03.07.20)<\/p>\n\n\n\n<p>Hans-Otto P\u00f6rtner erkl\u00e4rt, wie der Klimawandel auf Fische wirkt \u2013 und wie er seine Forschung mit seinem Vorsitz im Weltklimarat vereinbart. <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/eickemeier-patrick\/25847374.html\">Patrick Eickemeier<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Herr P\u00f6rtner, hat man als Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe \u201eFolgen, Verwundbarkeit, Anpassung\u201c des Weltklimarats IPCC noch Zeit f\u00fcr eigene Forschung?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ziemlich eng. Ich habe mit dem Alfred-Wegener-Institut vereinbart, dass ich die H\u00e4lfte meiner Zeit dem IPCC widmen kann. Das mit der Leitung der Sektion \u201eIntegrative \u00d6kophysiologie\u201c des AWI zusammenzubringen, ist in der Summe aber mehr als 100 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Ihre aktuell im Magazin \u201eScience\u201c <a href=\"https:\/\/science.sciencemag.org\/cgi\/doi\/10.1126\/science.aaz3658\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ver\u00f6ffentlichte Studie<\/a> behandelt Auswirkungen des Klimawandels auf Fische. Was haben sie herausgefunden?<\/em><\/strong><br>Die Entwicklungsstadien der Fische vom Embryo im Ei \u00fcber die Larve bis hin zum laichbereiten ausgewachsenen Tier unterscheiden sich darin, welche Temperaturen sie vertragen. Das h\u00e4ngt damit zusammen, dass die Fische in diesen Entwicklungsstadien nur zu Jahreszeiten oder in Lebensr\u00e4umen leben, die durch bestimmte Temperaturen charakterisiert sind. Bisher war die Frage unbeantwortet, was das f\u00fcr die Klimaempfindlichkeit einer Art bedeutet. Viele Arbeiten haben sich auf ausgewachsene Tiere konzentriert, die aber am wenigsten empfindlich gegen\u00fcber Temperatur\u00e4nderungen sind. Wir haben in unsere Analyse s\u00e4mtliche Stadien einbezogen und sehen, dass Fische als Embryonen oder als laichbereite Tiere einen viel engeren Toleranzbereich haben, als Larven oder heranwachsende Tiere. Schon eine geringe Erw\u00e4rmung kann <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/klimawandel-in-den-meeren-erwaermung-veraendert-lebensraeume-in-der-tiefsee\/25859420.html\">gro\u00dfe Auswirkungen auf die Fortpflanzung der Fische und ihre \u00d6kosysteme<\/a> haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Warum sind Embryonen und laichbereite Fische besonders anf\u00e4llig?<\/em><\/strong><br>Wir sehen bei den fast 700 Fischarten, die wir analysiert haben, dass dieses Muster ein allgemeing\u00fcltiges Prinzip ist: Laichbereite Tiere und Embryonen sind enger an den unteren Rand der Temperaturtoleranz gebunden. Im k\u00fchleren Wasser, das mehr Sauerstoff enth\u00e4lt als w\u00e4rmeres, sparen sie Energie und k\u00f6nnen ihren K\u00f6rper mit Sauerstoff versorgen. Die Spezialisierung der lebenswichtigen Prozesse auf ein enges Temperaturfenster spart Energie, aber um den Preis erh\u00f6hter W\u00e4rmeempfindlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Bei Embryonen und laichbereiten Tieren wirkt der gleiche Mechanismus?<\/em><\/strong><br>Im Prinzip ja. Es ist der Energiebedarf der Zellen und die Notwendigkeit, die Zellen mit Sauerstoff zu versorgen. Das gilt f\u00fcr beide. Embryonen haben noch keine Kiemen und keinen Blutkreislauf. Sauerstoff diffundiert zu den Zellen, bis auf eine aktive Sauerstoffversorgung \u00fcber den Blutkreislauf umgestellt wird. In dieser Phase gibt es eine gro\u00dfe Temperaturabh\u00e4ngigkeit. Wenn sich der Organismus dann entwickelt, werden die Systeme leistungsf\u00e4higer. Steuern die Fische dann auf die Paarungszeit zu, sammeln sie einen Vorrat an Eiern oder Spermien im K\u00f6rper an, der bis zu 20 Prozent ihres Gewichts ausmachen kann und der auch mit Sauerstoff versorgt werden muss. Um ihren Energiebedarf zu begrenzen, spezialisieren sich die Tiere in dieser Phase erneut auf einen engeren Temperaturbereich. Es ist faszinierend, dass wir Grundmuster, die wir auf zellul\u00e4rer Ebene sehen, auf der h\u00f6chsten Ebene des intakten Organismus wiederfinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Was passiert, wenn die Temperaturen zu weit ansteigen? K\u00f6nnen die Fische ausweichen, in Richtung der Polarzonen oder in gr\u00f6\u00dfere Tiefen mit k\u00fchlerem Wasser?<\/em><\/strong><br>Im Wesentlichen bestimmt die Temperatur, wo eine Tierart leben und sich fortpflanzen kann. Was passiert, wenn die Umgebungstemperatur steigt, testen wir gerade im Megaexperiment Klimawandel auf globaler Skala. Und wir sehen, dass Arten schon bei geringen Temperaturver\u00e4nderungen ihre Lebensr\u00e4ume verlagern. Das w\u00fcrde bei Fischen auch die Laichgebiete betreffen. Abh\u00e4ngig von der Lebensweise ist das aber nicht m\u00f6glich. Lachse zum Beispiel wandern zum Laichen aus dem Meer die Flussl\u00e4ufe hinauf, in denen sie selbst geschl\u00fcpft sind. Sie m\u00fcssen stromaufw\u00e4rts schwimmen und Eier und Sperma bilden. Energetisch sind sie nahe am Limit. Wenn dann das Wasser des Flusslaufes zu warm ist, kommt es zum Massensterben. Laichgr\u00fcnde kann man nicht einfach verschieben, das gilt auch f\u00fcr andere Arten. Das <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/meeresspiegel-steigt-bericht-des-weltklimarats-zum-richtigen-zeitpunkt\/25054524.html\">Gef\u00fcge der \u00d6kosysteme wird durch den Klimawandel durcheinandergebracht<\/a>. Daher m\u00fcssen wir auch mit einem Verlust von Biodiversit\u00e4t rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Was passiert mit den Fischbest\u00e4nden?<\/em><\/strong><br>Unsere Studie konzentriert sich auf die verwundbaren Lebensstadien der Fische und wir betrachten Szenarien, die der Begrenzung der Erw\u00e4rmung auf 1,5 Grad Celsius entsprechen bis hin zu einer Entwicklung, die noch \u00fcber das \u201eWeiter wie bisher\u201c hinausgeht. Wir sehen, dass bei starker Erw\u00e4rmung bis zu 60 Prozent der Arten ihre angestammten Laichgebiete verlassen m\u00fcssen. Im glimpflichsten Fall sind es nur etwa zehn Prozent. Eine solche Entwicklung wird die Best\u00e4nde schrumpfen lassen. Lebensr\u00e4ume werden sich verschieben, mancherorts werden Arten aussterben. Erste Anzeichen daf\u00fcr sehen wir schon. Die Risiken sind h\u00f6her als wir bisher dachten. Das ist dramatisch f\u00fcr L\u00e4nder, die in hohem Ma\u00dfe auf Ertr\u00e4ge aus der Fischerei angewiesen sind. Wir m\u00fcssen das f\u00fcr die fischereilich bedeutenden Arten aber noch weiter untersuchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Die Studie erscheint noch rechtzeitig, um im n\u00e4chsten Bericht des IPCC ber\u00fccksichtigt zu werden. Ist es legitim, den Klimasachstand anhand eigener Studie zu beurteilen?<\/em><\/strong><br>Ob die Arbeit in den Sachstandsbericht eingeht, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/sachstandsbericht-des-weltklimarats-neuer-ipcc-bericht-klimaforscher-kaempfen-mit-datenflut\/9689534.html\">ist Sache der Autoren<\/a> des Kapitels Ozeansysteme, nicht meine. Ich freue mich als Wissenschaftler, wenn Interesse besteht. Die Studie liefert einen \u00fcbergreifenden Einblick und ist prominent publiziert. Die Voraussetzungen sind gut. Aber die wissenschaftliche Entscheidung liegt nicht bei mir, sondern bei den Experten unseres Autorenteams. Die Objektivit\u00e4t ist gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Hat die Coronakrise Ihren Arbeitsplan mit internationalen Autorentreffen durcheinandergebracht?<\/em><\/strong><br>Die Autorentreffen sind sehr wichtige Termine, die man mit ihrer Dynamik und Vielf\u00e4ltigkeit des Austauschs nicht einfach durch Videokonferenzen ersetzen kann. Wir k\u00f6nnen aber die Vorteile von Videokonferenzen durchaus nutzen. Wir sind gespannt, ob wir unser Programm durchziehen k\u00f6nnen. Wir stimmen unsere Ver\u00f6ffentlichungstermine nach M\u00f6glichkeit auf die Verhandlungen im Rahmen der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen ab. Der wissenschaftliche Austausch mit den Regierungsdelegationen war beim letzten Sachstandsbericht ja instrumental wichtig f\u00fcr die Temperaturgrenzen von 1,5 und deutlich unter zwei Grad Celsius maximaler Erw\u00e4rmung im Pariser Klimaabkommen von 2015.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Ihre Arbeitsgruppe behandelt praktisch alle Bereiche, in denen Klimawandel auf menschliche und nat\u00fcrliche Systeme wirkt. Kurz: Alles. Wie gehen Sie mit der Arbeitsbelastung und der Themenvielfalt um?<\/em><\/strong><br><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/weltklimarat-hoesung-lee-fuehrt-den-ipcc\/12416952.html\">Eine Erfahrung macht man im IPCC<\/a>: Es ist eine enorme Erweiterung des Sichtfelds. Wer mitmachen m\u00f6chte, kann keine Scheuklappen tragen. Es geht darum, die <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/neuer-bericht-des-weltklimarats-der-konsum-als-klimawandel-treiber\/24885410.html\">Verbindungen zwischen den Systemen<\/a> zu sehen und zu erkennen, wie wir den Planeten nachhaltig bewirtschaften k\u00f6nnen und wie die Menschheit nachhaltig \u00fcberleben kann. Dann aber zu sehen, dass einige Entscheidungstr\u00e4ger in Politik und Wirtschaft Scheuklappen tragen, ist eine Belastung. Auf der einen Seite f\u00fchlt man sich gut dabei, an der Diskussion teilzuhaben und objektive Beitr\u00e4ge zu leisten. Ich bin aber auch Staatsb\u00fcrger, Vater und Gro\u00dfvater und werde ungeduldig, wenn Politiker mit sehr kurzsichtigen Interessen mit den Sachverhalten umgehen. Wir w\u00e4ren gut beraten, die Grenzen zu respektieren, die die Natur uns setzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Finden Sie diese Einsicht in ihrer aktuellen Studie wieder?<\/em><\/strong><br>Wir k\u00f6nnen einen Spannungsbogen ziehen von einer Arbeit in der Meeresbiologie und der Physiologie hin zur menschlichen Gesellschaft. Wir haben es hier mit Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zu tun, denen wir auch unterworfen sind. K\u00fcrzlich ist eine Studie erschienen, die zeigt, dass die Hitzeempfindlichkeit von Schwangeren und S\u00e4uglingen am gr\u00f6\u00dften ist. Auch wir durchlaufen Lebensstadien, auch uns sind als Art Temperaturgrenzen gesetzt. Wir werden Lebensraum verlieren, weil wir den Planeten aus seinem stabilen Klimakorridor hinaustreiben. Dort, wo W\u00e4rme und hohe Luftfeuchtigkeit zusammenkommen, wird es f\u00fcr den Menschen physiologisch zunehmend schwierig.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mehr zum Thema<\/h2>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/klimawandel-in-den-meeren-erwaermung-veraendert-lebensraeume-in-der-tiefsee\/25859420.html\">Klimawandel in den Meeren Erw\u00e4rmung ver\u00e4ndert Lebensr\u00e4ume in der Tiefsee<\/a> Patrick Eickemeier<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>In ihrer aktuellen Studie res\u00fcmieren Sie, das Risiko sei \u201egr\u00f6\u00dfer als erwartet\u201c. Ist es der Fluch der Klimaforschung, d\u00fcstere Aussichten mit neuem Wissen immer d\u00fcsterer zeichnen zu m\u00fcssen?<\/em><\/strong><br>Nein. Ich betrachte es als klare Sicht, die entsteht. Unsere Handlungsoptionen sind eingeschr\u00e4nkt. Je l\u00e4nger wir warten, desto mehr werden wir diesen Risiken ausgesetzt sein. Es lohnt sich unbedingt, den Klimawandel zu begrenzen. Es lohnt jede Anstrengung und es lohnt auch die massive gesellschaftliche Transformation, die daf\u00fcr erforderlich ist, die Pariser Klimaziele anzustreben. Das ist die klare Botschaft unserer Arbeitsgruppe. Es ist keine Option, die Dinge laufen zu lassen. Der Preis, den wir mit den Auswirkungen auf unsere Lebensgrundlagen zahlen, wird immer h\u00f6her. Und er ist h\u00f6her als der Preis f\u00fcr die Umstellung auf nachhaltiges Wirtschaften. Die junge Generation nimmt diese Botschaft nun auf und macht Druck auf die Politik. Ich betrachte das als Erfolg unserer Bem\u00fchungen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Der vollst\u00e4ndige Artikel beim Tagesspiegel : <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/auswirkungen-des-klimawandels-wir-waeren-gut-beraten-natuerliche-grenzen-zu-respektieren\/25971436.html\" target=\"_blank\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/auswirkungen-des-klimawandels-wir-waeren-gut-beraten-natuerliche-grenzen-zu-respektieren\/25971436.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(aus dem Tagesspiegel 03.07.20) Hans-Otto P\u00f6rtner erkl\u00e4rt, wie der Klimawandel auf Fische wirkt \u2013 und wie er seine Forschung mit seinem Vorsitz im Weltklimarat vereinbart. Patrick Eickemeier Herr P\u00f6rtner, hat man als Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe \u201eFolgen, Verwundbarkeit, Anpassung\u201c des Weltklimarats IPCC noch Zeit f\u00fcr eigene Forschung? Es ist ziemlich eng. 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